Monatsarchiv für September 2005

 
 

Das "Kirchhof-Phänomen"

Viele Leser dieses Forums werden sich bei diesem Titel denken: Na, mal wieder ein Schmäh-Artikel eines Sozis auf die Thesen und die Person Prof. Kirchhofs. Diese Leser muss ich enttäuschen. Mit einem Blick von außen – dem Blick eines Jura-Studenten in der Examensvorbereitung – betrachte ich diesen Wahlkampf. Und gerade das, was zur Zeit mit Prof. Kirchhof geschieht, finde ich interessant. Und um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Ich finde es deprimierend.

Nun stehe ich fern, ein Anhänger Prof. Kirchhofs zu sein (auch wenn meine Ausbildung im Staatsrecht und in den Grundrechten von ihm vorgenommen worden ist). Ich kenne seine Thesen aus seinen Vorlesungen und ich teile nicht seine Sichtweise auf die Gesellschaft und die Stellung der Frau in derselbigen. Aber ich muss Prof. Kirchhof eines zu gute halten: Er hat sich mit seinem Entwurf für ein Einkommenssteuergesetzbuch exponiert. Er hat im Gegensatz zu vielen anderen Vertreter der juristischen Zunft ein Gesetz geschrieben statt die legislatorische Arbeit des Gesetzgebers in Schmähaufsätzen zu kritisieren (ich will hier nur die Front der Professorenschaft gegen die Schuldrechtsmodernisierung erwähnen). Er hat sich um klare gesetzgeberische Sprache bemüht und ein in sich durchaus schlüssiges System aufgestellt. Vor allem hat er als Wissenschaftler es gewagt, einen Entwurf zu entwickeln und sich damit an die Öffentlichkeit getraut. Bei seinem Entwurf handelt es sich um einen Gesetzentwurf, der bereinigt ist von Unterabsätzen, die Lobbyisten am Ende des politischen Gesetzgebungsprozess hineindiktiert haben.

Prof. Kirchhof will / wollte mit einem stringenten und durchdachten Entwurf das System im Bereich des Steuerrechts aufreißen und eine grundlegende Veränderung wagen.

Wieso stürzte man sich nun auf den “Professor aus Heidelberg”? Er hatte im Gegensatz zu allen Parteien etwas schwarz auf weiß in klarer deutlicher Sprache veröffentlicht und sich positioniert und daher auch angreifbar gemacht. Worüber wurde diskutiert? Es wurde darüber diskutiert, dass Kirchhof die Krankenschwester und den Topmanager zu gleichen Steuersätzen heranziehen will: 25 Prozent. Und es wurde über die Abschaffung diverser Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit und die Kilometerpauschale diskutiert.

Das war es! Es wurde die Chance verpasst, sich mit einem Systementwurf auseinander zu setzen und die entscheidenden Fragen zu diskutieren:

  • Was ist Umverteilung?
  • Wo soll Umverteilung stattfinden? Im Steuerrecht oder doch in einem anderen System?
  • Warum muss der Staat einen Zuschlag leisten, der eigentlich mit der Art der Arbeit verknüpft ist? Ist es nicht vielmehr die Aufgabe der Tarifpartner im Arbeitsrecht, solche Vergünstigungen für ihre Arbeitnehmer auszuhandeln? Wenn dem aber so ist, dann beißt es sich, dass man staatliche Arbeitnehmervergünstigungen abschaffen will und gleichzeitig den Flächentarifvertrag zerschlagen will. (Guten Morgen, CDU!) Wer solche Zuschläge abschaffen will, der muss die Tarifpartner stärken statt sie zu schwächen, ohne dass dies auf dem Rücken der Arbeitnehmer geschieht. Dann müsste man aber mal soviel Phantasie haben, zumindest über eine Abschaffung der staatlichen Unterstützung nachzudenken und den Unternehmen die Verantwortung für ihre Arbeitnehmer und deren Zufriedenheit zurückzugeben.
  • Ist im Steuerrecht wirklich die Progression, d.h. das prozentuale Ansteigen des Einkommenssteuersatzes mit dem Ansteigen des Lohnes, das einzige Mittel, um Umverteilung herzustellen? [da Kinder von wohlhabenden Menschen genauso wie Kinder von armen Menschen Universitäten, Kindergärten und Schulen besuchen; da wohlhabende Menschen genauso wie arme Menschen deutsche Straßen verwenden, verbrauchen sie quasi gleichermaßen vom Staat finanzierte Leistungen, beteiligen sich aber wegen der Progression in stärkerem Maße an der Refinanzierung dieser Leistungen durch den Steuerbürger. Es findet somit durch die Progression eine Umverteilung von Reich zu Arm statt]
  • Kirchhof schlug vielmehr vor die kompliziert zu berechnende Progression herauszunehmen und einen Einheitssteuersatz mit 25 Prozent zu veranschlagen. Diese 25 Prozent sollen aber nicht ab dem ersten Euro zuschlagen, sondern zu unterschiedlichen Lohnhöhen – je nach Lebensumstand. Somit setzte er einen höheren Steuerfreibetrag, d.h. jenen Betrag, nach dem der erste Euro erst mit 25 Prozent zu versteuern ist, für Familien an im Vergleich zu Kinderlosen. Das heißt in letzter Konsequenz, dass die Mutter und Krankenschwester weniger Lohn mit 25 Prozent zu versteuern hat als der kinderlose Topmanager, so dass unter dem Strich Familien relativ weniger belastet werden. Auch eine Form von Steuergerechtigkeit, aber anders organisiert – mit anderen auch gesellschaftspolitischen Konsequenzen:

    Darüber hätte man diskutieren können. Man hätte dann erkennen können, dass hohe Steuerfreibeträge bei Familien dazu führten, dass für Frauen die Anreize arbeiten zu gehen drastisch sinken würden: Ein Doppeleinkommen der Eltern würde über den Steuerfreibetrag landen, wohingegen ein Einzeleinkommen darunter bliebe und es sich daher für die Mutter eher rechne, zu hause zu bleiben. So wird ein Weltbild deutlich.

    Dann hätte man aber auch erkannt, dass das gleiche Phänomen in der gesetzlichen Krankenkasse mit der kostenlosen Familienmitversicherung vorhanden ist. Nicht umsonst haben AsF und andere Frauenverbände die Tatsache kritisiert, dass eine nichtarbeitende verheiratete Frau kostenlos ist in der Krankenversicherung versichert ist, während eine arbeitende verheiratete Frau die hohen Beiträge zahlen muss, so dass sich für sie die Arbeitsaufnahme nicht wirklich rechne. Aber da will nun die Bürgerversicherung auch nicht ran.

    Nein, darüber wurde alles nicht diskutiert. Stattdessen war es einfacher dem “Professor aus Heidelberg” und seinem Entwurfe einen Aufkleber “unrealisierbar” und “sozial ungerecht” aufzukleben. Das mag im Ergebnis vielleicht richtig sein. Aber Deutschland braucht große Würfe, Deutschland braucht Entwürfe, die das System verstehen und sich sauber einpassen. Mit welcher Motivation sollte jetzt z.B. ein etablierter Sozialrechtler ein kohärentes Gesetzeswerk für die Bürgerversicherung entwerfen, nachdem er gesehen hat, was mit Kirchhof geschehen ist? Unser Sozialsystem krankt an Vorschriften, die bei jeder Reform immer mehr miteinander kollidieren als dass es hilft. Die Grundsicherung für Arbeitsuchende ist ein Beispiel, bei dem viele gute Ideen ungewollt in Kollision treten mit anderen Vorschriften und sich in ihr Gegenteil verkehren.

    Kirchhofs Ideen mögen vielleicht anecken und ich finde sie in letzter Konsequenz ungerecht. Aber der Umgang mit seiner Person und seiner Idee schreckt Menschen ab, die die Intelligenz und den Mut haben durchdachte und in sich stimmige Konzepte vorzulegen.

    Was hätten wir wohl gemacht, wenn anstelle von Frau Ulla Schmidt Prof. Rürup oder Prof. Lauterbach bereit wären Sozialminister im Kabinett Schröder III zu werden?

    Ich hätte es sehr positiv gefunden, aber offensichtlich braucht die Politik solche Köpfe nicht und offensichtlich will das Volk solche Köpfe nicht.

    Ein Dankeschön

    Auf diesem Weg ein Dankeschön an den SPD-Ortsverein Gaggenau. Heute gab es ein Familienfest auf dem Marktplatz: alles war super organisiert; die Gespräche waren gut; die Stimmung echt klasse. Das war wieder ein wichtiger Schritt hin zu einem Erfolg am 18. September.

    Ich will die Liste sehen

    rueck-die-liste-raus.deSeit Wochen geistert diese ominöse “Kirchhof-Liste” durch die Medien und die Politik. Das ist diese Aufzählung der angeblich vorhandenen 418 Ausnahmen im Steuerrecht, die der sog. “Wirtschafts-und Steuerexperte” der Union, Paul Kirchhof, abschaffen will.
    Als Steuerzahler würde mich schon interessieren, was er denn so alles streichen will.
    Und weil andere genauso denken, gibt es jetzt eine Online-Petition zum Thema. Auf www.rueck-die-liste-raus.de kann man für die Veröffentlichung der Liste unterschreiben.

    Schavan greift Parteifreund an.

    Wie heute in der Ehinger Ausgabe der Südwest-Presse zu lesen war, gab die Kultusministerin des Landes und Wahlkreiskandidatin Annette Schavan bei einem Redaktionsgespräch folgenden Satz zum besten:

    “Nur auf Festen rumhocken ist noch keine Politik.”

    Nach kurzer Überlegung, wer im Landkreis denn so Politik betreibt, kann sie nur einen gemeint haben. Ihren Parteifreund und Kollegen im Stuttgarter Landtag, Karl Traub MdL. Der ist Landkreisauf und -ab als Dorfbrunneneinweiher und Fassanstecher berühmt und berüchtigt.

    Oder sie wollte damit nur von ihrer nicht sehr häufige Anwesenheit im Wahlkreis beim Gespräch, zu dem sie

    mit Chauffeur und Leibwächter nach Ehingen gekommen ist,

    ablenken.

    Testen und gewinnen… eine Erkenntnis

    Erleichterung als das Ergebnis erscheint. Ein langer roter Balken an oberster Stelle und ein SPD-Logo darüber: Der Wahl-o-mat der Bundeszentrale für politische Bildung zur Bundestagswahl (www.wahl-o-mat.de) empfiehlt mir die SPD. Natürlich hatte ich das Ergebnis erwartet, aber solche “Spiele” sind doch immer interessant, denn sie dienen auch ein wenig der eigenen Bestätigung – haben sie doch bei dem einen oder anderen bereits zu Überraschungen geführt.
    Ich bin mir jetzt noch sicherer, dass sich die guten Argumente für eine Politik der Veränderungen in sozialer Gerechtigkeit und mit Augenmaß bei vielen “Spielern” durchsetzen werden.

    SPD legt in der Sonntagsfrage deutlich zu

    Laut einer neuen Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und Stern legt die SPD 3 Prozentpunkte innerhalb einer Woche bei der Sonntagsfrage zu und kommt jetzt auf 34 Prozent.
    Die Umfrage bestätigt meinen Eindruck, dass das TV- Duell und die deutlichere Zuspitzung des SPD-Wahlkampfes sich massiv auf die politische Stimmung im Land auswirken.
    Dieser Stimmungsumschwung ist auch auf der Straße zu spüren: Am Montag morgen haben uns viele Menschen am Heilbronner Hauptbahnhof die SPD-Flugblätter nahezu aus den Händen gerissen und uns Mut für die letzten Tage bis zur Wahl gemacht. Zudem hat mein Juso-Kreisverband 7 Neumitglieder in 10 Tagen gewonnen !
    Das sind positive Nachrichten. Die Stimmung bessert sich. Und wir kämpfen.

    Renate Schmidt: überzeugende Familienministerin

    Welch eine Rede hat Renate Schmidt heute im Plenum gehalten: überzeugend und mit viel Power. Und sie hat deutlich gemacht wie sehr wir einen gesellschaftspolitischen Rückschritt unter Angela Merkel machen würden – ganz besonders mit Herrn Kirchhof als Minister. Schließlich haben wir ihm ja auch das Urteil des Verfassungsgerichts zu “verdanken” durch das wir gezwungen wurden den Haushaltsfreibetrag nicht in der bisherigen Form zu erhalten.

    Atomkraft? Nicht schon wieder!

    “Atomkraft? Nicht schon wieder!”,
    so lautet die neue Aufschrift der altbekannten gelben Sticker, die angesichts der Pläne der CDU jetzt wieder vermehrt im Umlauf sind. Und ich kann dem nur beipflichten: Nicht schon wieder! Das haben wir doch Dank Rot-Grün alles schon hinter uns gelassen: Wir haben mit dem Atomausstieg im Konsens mit der Energiewirtschaft eine jahrzehntelange tiefe Spaltung unserer Gesellschaft beendet! Nicht schon wieder endlose gesellschaftliche Auseinandersetzungen und lähmende Rechtsstreitigkeiten um eine Technologie von vorgestern! Um eine Risikotechnologie! Eine Technologie, die im größtmöglichen Widerspruch zum Prinzip der Nachhaltigkeit steht: Statt unsere natürlichen Ressourcen zu schonen und auch für unsere Nachkommen zu wahren, will die CDU noch bei vielen nachfolgenden Generationen für eine “strahlende Bescherung” sorgen. Nicht nur das: Angesichts neuer terroristischer Bedrohungen könnten sich Atomkraftwerke als Zeitbombe erweisen, denn keines unserer AKWs ist gegen den gezielten Aufprall eines großen Verkehrsflugzeuges ausgelegt. Ausgerechnet der “Innovationsbeauftragte” der CDU, Heinrich von Pierer ist es, der uns zurück ins Zeitalter der Verantwortungslosigkeit katapultieren will! CDU und Innovation: Das wird wohl ewig ein Widerspruch bleiben.

    Duell schafft Klarheit

    Erstaunen, Kopfschütteln, Gelächter, Zustimmung und Ablehnung – all das gab
    es gestern beim gemeinsamen das TV-Duell-Abend in der Offenburger
    Geschäftsstelle. Die anschließenden repräsentativen Blitzumfragen der
    Meinungsforschungsinstitute erklärten den Bundeskanzler zu Recht zum
    Sieger. Gerade die Unentschlossenen fanden Gerhard Schröder besser….

    “Es gibt ja fast keine Unterschiede mehr zwischen den Parteien”. Wer das
    Duell gestern gesehen hat, der kann und darf einen solchen Satz nicht mehr
    sagen. Es ist klar geworden, dass sich hier zwei völlig unterschiedliche
    Konzepte gegenüber stehen. Bei Frau Merkel die kalte Modernisierung, die in
    den Millionären die Leistungsträger der Gesellschaft sieht (so die
    Kandidatin), die Gleiches ungleich (die Menschen) und Ungleiches gleich
    (Stichwort Einkommen und Kopfpauschale) behandelt.
    Demgegenüber der Bundeskanzler, der die notwendigen Reformen angeht, aber
    dies auch tut, um die Sozialsysteme zu retten und nicht, um sie zu
    zerschlagen, der auf Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in
    Bildung und Ausbildung setzt – denn nur dann werden die Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen, die wir so dringend nötig haben.
    Diese Klarheit in den Konzepten hat vielen bestimmt die Entscheidung
    erleichtert. Insofern bin ich mir sicher, dass es die genannten Reaktionen nicht nur bei den Parteimitgliedern gab, sondern auch bei der Mehrheit der 21 Millionen Zuschauer.
    Es reicht eben nicht, dass Frau Merkel ihre Sätze gut gelernt hat und nichts
    durcheinander wirft. Auf die Inhalte kommt es an. Und da sind die
    Unterschiede sehr deutlich geworden.

    Alles nur geklaut?

    Es war am 28. Oktober 1980. In einem TV-Duell standen sich der amtierende US-Präsident Jimmy Carter und der Herausforderer Ronald Reagan gegenüber. Bekanntlich wurde Reagan zum US-Präsidenten gewählt, nachdem er folgendes Schlusswort an die Wähler gerichtet hat: (bitte lesen Sie unten weiter)

    Es war am 4. September 2005. In einem TV-Duell standen sich der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Herausfordererin Angela Merkel gegenüber. Wie die Wahl ausgehen wird, wissen wir noch nicht. Wir kennen allerdings das Schlusswort, dass Angela Merkel an die Fernsehzuschauer gerichtet hat. Es war exakt dasselbe, was knapp 25 Jahre zuvor Ronald Reagan die Zuschauer gerichtet hat.

    Tja, was sollen wir Wähler daraus schließen? Dass Angela Merkel und ihre Berater alles andere als kreativ sind? Dass sie auch als Bundeskanzlerin versuchen würde, mit den Rezepten von vor 25 Jahren Deutschland zu reformieren? Geht ihre Begeisterung für die USA und die amtierende US-Regierung soweit, dass sie nicht nur Bushs Schoßhündchen sein will, Reagans Reden kopiert sondern die USA als Vorbild für ihre Umgestaltung des Sozialstaats sieht?