Platzeck tritt zurück – Schock und Enttäuschung

Matthias Platzeck
Wie jeden Morgen sitze ich an meinem Laptop, trinke meinen Kaffee, schreibe E-Mails und lese SPIEGEL online. Als ich vor wenigen Minuten auf dessen Homepage landete, verfiel ich erst einmal in Schockstarre: SPD-Chef Platzeck tritt zurück.

Enttäuschung macht sich in mir breit: Es ist aber keine Enttäuschung gegenüber Platzeck; es ist vielmehr die Enttäuschung, dass die SPD wieder einmal einen hervorragenden Mann zerschlissen hat. Es steht mir jetzt nicht an, über die Gründe dieses Rücktritts zu spekulieren. Matthias Platzeck war für mich die Hoffnung für die SPD: Er stand und steht für mich für einen Politikertyp, wie er in Deutschland fast schon ausgestorben ist: Ein grundehrlicher Mensch, dem die Zukunft der Menschen am Herzen liegt und nicht seine eigene. Wenn Platzeck redete, so redete kein geschliffener Politprofi, sondern ein Mensch, dessen Ehrlichkeit jeder spüren konnte, der ihn hörte.

Platzeck hat neben dieser in der Politik so selten vorzufindenden Menschlichkeit auch noch den Verstand, die Herausforderungen, vor der die Politik in Deutschland heute steht, richtig zu benennen und undogmatische Lösungen für sie zu denken (man möge nur den heutigen SPIEGEL hierzu lesen …).

Im vergangenen November war es daher fast wie ein Wunder für mich – und es machte mich stolz, ein Sozialdemokrat zu sein -, dass ein Politiker wie Platzeck an die Spitze einer der Volksparteien gewählt wurde. Er ist für mich so wohltuend anders wie die gesamte ergraute technokratische Elite, die im Raumschiff Berlin das Steuer in der Hand hält oder uns glauben lässt, dieses in der Hand zu halten. Er ist kein Mann, der die Bürger/innen mit wohlklingenden Worten einlullt, sondern durch seine Menschlichkeit gewinnen kann.

Dieser Matthias Platzeck war es, der im November 2005 mir neue Motivation einimpfte. Dieser Matthias Platzeck war es, der für mich den Unterschied personifizietrte zwischen der Sozialdemokratie und allen anderen politischen Strömungen.

Nun tritt dieser Matthias Platzeck ab und ich falle wieder in mein Novemberloch zurück. Einmal mehr hat es ein intelligenter und menschlicher Mensch, der nur das Schicksal der Menschen im Auge hat, nicht geschafft, sich an der politischen Spitze dieses Landes zu halten: Ein Trauerspiel für Deutschland!

 
 
 

10 Kommentare zu “Platzeck tritt zurück – Schock und Enttäuschung”

  1. Christian Hoffmann
    10. April 2006 um 17:35

    Das ist traurig. Ich finde, Matthias Platzeck hat die SPD und damit auch die Politik in Deutschland insgesamt sehr menschlich vertreten, ohne dabei in irgendeiner Weise populistisch zu sein. Auch das ist ja eine Kunst.

    Und irgendwie schockiert es mich, wenn ich lese, dass heutzutage jemand schon allein dadurch bis auf alle Ewigkeit als Kanzlerkandidat desavouiert sein soll, dass er dringenden Ärzterat nicht ignoriert um einfach nur gesund zu bleiben. – SPIEGEL ONLINE, Ihr ekelt mich an!

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  2. Gerry
    10. April 2006 um 17:37

    So traurig das auch für die Partei sein mag bin ich doch voller Hoffnung geworden als ich den Namen Jens Bullerjean gelesen habe. Hier wächst eine neuer Hoffungsträger heran der Visonen hat und der nur noch etwas Zeit braucht. Ich kenne Jens noch aus der Zeit der Wende und weiß das er zudem ein ehrlicher Arbeiter mit einer gehörigen Portion Vision ist.

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  3. Klaus Ender
    10. April 2006 um 17:57

    Werte SPD!

    Für mich war Platzeck einer der ganz, ganz wenigen Politiker, denen man glauben konnte, dass sie einer guten Sache dienen. Ich wähle zwar nicht SPD, hätte mich aber für seine Person entschieden, hätte ich mich entscheiden “müssen.”
    Für ihn ein gut gemeinter Rat: Den Tinnitus sehr, sehr ernst nehmen, er kann einen Menschen ruinieren. Den Ärzten nicht glauben, dass es Heilung gibt. Ich leide 30 Jahre darunter – und mein Rezept lautet: Innere Ruhe finden. Vielleicht schaut er sich (unverbindlich) auf meiner http://www.klaus-ender.com um, dann findet er das, was ihm dabei weiterhelfen kann…. Alles Gute für ihn, Klaus Ender

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  4. Besim Karadeniz
    10. April 2006 um 18:02

    Also, Matthias ist nicht gestorben und er ist in meinen Augen auch nicht von der Partei zerschlissen worden, sondern er hat neben seinem verantwortungsvollen Amt noch ein weiteres, verantwortungsvolles Amt auf sich genommen und leidet unter Stresssymptomen.Immerhin: Er reagiert angemessen darauf und zieht beherzt die Notbremse. Dafür gebührt ihm hoher Respekt.

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  5. frank
    10. April 2006 um 19:33

    Platzecks´ pragmatische Art war eine willkommene Abwechslung in der Idealistisch/ idiologische geprägten Linken Gesellschaft.

    Ein Trauerspiel besonders für das “schwarze” Deutschland.

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  6. ralph
    10. April 2006 um 19:43

    das ist wirklich ein aerger. da hatten wir mal jemanden, der dinge anders anfasst – aber nun geht es wohl wieder in der alten schiene weiter.

    die technokraten werden wieder versuchen, die organisation zu beherrschen.

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  7. René Repasi
    11. April 2006 um 08:51

    Lieber Christian,

    ich gebe Dir recht, dass ein Mensch, der sich nun für eine gewisse Zeit seiner Gesundheit widmen möchte, nicht – mal überspitzt ausgedrückt – tot ist und somit selbstverständlich auch 2009 ein denkbarer Kanzlerkandidat der SPD sein könnte (meine hundertprozentige Unterstützung könnte sich Platzeck jedenfalls sicher sein).

    Aber ich möchte SPIEGEL online dann doch in Schutz nehmen: Was dort zum Ausdruck kommt, ist doch nichts anderes als die Tatsache, dass eine Kanzlerkandidatur von Platzeck sehr unrealistisch geworden ist. Und das aus einem schlichten Grund: Sollte Platzeck 2009 antreten, wird er sich im Wahlkampf immer wieder anhören müssen, ob er sich denn gesundheitlich tatsächlich ein Amt wie das des Bundeskanzlers zutraue und auch meistere. Er stünde permanent unter Erklärungsdruck und Beweislast bezüglich seiner gesundheitlichen Konstitution.

    Ich begrüße diese Entwicklungen keineswegs. In den 30er und 40er Jahren war es einem Franklin D. Roosevelt noch möglich mit Polio Präsident der USA zu sein. Inzwischen hat sich die Gesellschaft so sehr verändert, dass dies nicht mehr möglich ist.

    Wir sollten uns als Gesellschaft mal alle die Frage stellen, wie es denn dazu kommen kann, dass ein so fähiger Mensch wie Platzeck als Politiker an seiner Gesundheit scheitert.

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  8. frank
    16. April 2006 um 18:03

    Soso,…Der Herr Beck…
    wird genauso verschlissen – denn Bundespolitik ist etwas anderes als Landespolitik, wo er sich ja leidlich profiliert hat. Aber ist er den Fallenstellern wie der Bolschewistin N. oder dem Revisonisten K.(Seeheimer Kreis) wirklich gewachsen? Anfänglich wird ihm ein Bonus gegönnt, letztlich aber wird er von genau den gleichen Stehkragenproleten zu Fall gebracht, wie Platzeck. Ihm mag man zu Gute halten, dass er Gewerkschafter ist – aber als Bundesvorsitzender muss er auch ein Ohr für die Wirtschaft haben – sogar ein nicht zu kleines. Er wird in der Zwickmühle zwischen gewerkschaftlicher Standestreue und den Erfordernissen einer gewissen Wirtschaftsfreundlichkeit zermahlen werden. Wie will er sich als SPD- Vorsitzender zu Tarifkonflikten äussern – gar nicht, diplomatisch, gewerkschaftlich??? Als Landesvater kann man Formeln finden, sich da rauszuhalten, aber als Chef der Sozi-Truppe? Als Konservativer muss ich sagen, dass bei den Sozialisten mal eine Auszeit angesagt ist, ein Feind sind sie eh nicht mehr, weil zu zahnlos und völlig marode (Müntefering als Arbeits(losen)minister). Ihre Stammwähler halten zu ihnen,weil die Heilsversprechen nach dem kuschligen Sozialstaat zumindest noch als Beruhigungspille dienen, für die, die von Eigenverantwortung nichts halten und den Betriebsrat das Nestchen bauen lassen. Linke Ideen, wie sie teilweise auch noch Beck als Alt-SPDler vetritt, bedeuten meist, andere für sich arbeiten zu lassen. Herr Beck, der vielleicht ganz gut in RPF ist, ist auf dem Berliner Parkett eine Fehlbesetzung, die zwar fulminant startet, aber genauso peinlich enden wird wie “GERHARD DER GROSSE”.

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  9. Andree
    23. April 2006 um 16:19

    Lieber Frank,

    Sind dir als bekennendem Konservativ-Neoliberalen, der den Staat so klein halten will, dass man ihn in einer Badewanne ersäufen kann, mal wieder die Pferde durchgegangen? ZU so was führt doch nur die angeblich notwendige Wirtschaftsfreundlichkeit. Sparen, privatisieren, Steuern senken – das ist doch die alte neukonservative Leier, die überall dort existiert, wo die CDU das Sagen und die dafür gesorgt hat, dass sie SPD als “zahnlos” gilt, sofern sie meint, ein bißchen “mitspielen” zu müssen. Jemand wie Beck, der mal sagt “Is nich mit mehr Steuern senken”, wenn dieser Staat noch weiterexistieren soll, ist da eine Wohltat. Weiter so!
    So, und jetzt mal zu den “angeblich kuscheligen Sozialstaatlern”. Eigenverantwortung als Schlagwort ist doch dort eine Platitüde dort, wo die Wirtschafts-Amigos des Herrn soviele rausgeschmissen haben, dass 5 Millionen auf der Straße stehen. Oder ist es sein Ziel, dass irgendwann mal wieder wie im Mittelalter Leute bei uns auf der Straße verhungern. Ihnen kann glaub ich nur noch durch möglichst schnell und möglichst lang Hartz4 geholfen werden, sodass sie wieder zur Vernunft kommen.
    Beck ist kein linker Gewerkschaftler – die gibt es ja außerhalb der IG Metall nicht mehr in Deutschland. So bleibt nur zu hoffen, dass ihn der neoliberale Einheitsbrei im Bundestags, von Gelb über Schwarz bis in Teile von Hell- und Dunkelrot und Grün hinein nicht zu schnell zerschleißt. Glück auf Gott mit Dir, Kurt!

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  10. frank
    18. Juli 2006 um 19:54

    Jemand wie Beck, der mal sagt “Is nich mit mehr Steuern senken”, wenn dieser Staat noch weiterexistieren soll, ist da eine Wohltat. Weiter so!

    Kurt Beck und der Anstand

    von Konrad Adam

    Vor Jahren, als er noch Mitglied der SPD war, konnte Oskar Lafontaine die Genossen zum Schäumen bringen, wenn er ihnen das Lied vom Teilen vorspielte. Es wurde nach der Melodie eines bekanten Wanderliedes gesungen und enthielt den schönen Vers: “Sozialdemokrat kann der nicht sein, dem niemals fiel das Teilen ein.” Dieser Text, nicht “Brüder, zur Sonne …”, ist die wahre Parteitagshymne der SPD. Peer Steinbrück singt ihn leise, Ottmar Schreiner singt ihn laut; singen tun sie ihn aber beide.

    Nun hat Kurt Beck das Lied um eine neue Strophe erweitert. Sie handelt nicht vom Teilen, sondern vom Anstand. Von dem hatte schon Gerhard Schröder geschwärmt; Beck tut es ihm nach, wenn er sich die Virtuosen des deutschen Wohlfahrtsstaates vornimmt. Rausholen, was das System hergibt, sei unanständig, meint Beck, und appelliert an die Moral.

    Den Anstand mag er so auf seiner Seite haben; seine Partei aber sicher nicht. Denn die hat alles getan, die exzessive Anspruchsmentalität, die Beck kritisiert, erst richtig großzuziehen. Den Kampf gegen die verschämte Armut hat sie so bravourös geführt, daß wir es statt derer jetzt mit der unverschämten Armut von Leuten zu tun haben, die wissen, wie man sich arm rechnet, ohne arm zu sein.

    “Wenn Ihr Geldvermögen über den Freigrenzen liegt, müssen Sie es zuerst verbrauchen, bevor Sie Sozialhilfe bekommen”, heißt es in einem Leitfaden für Anstandslose, herausgegeben von der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag. “Dabei sind Sie nicht gezwungen, auf dem Niveau der Sozialhilfe zu leben. Sie können in Urlaub fahren, eine Wohnungseinrichtung oder Hausrat kaufen oder Schulden tilgen. Das Sozialamt kann Ihnen dann nicht Unwirtschaftlichkeit vorwerfen.” Das Vorwort, verfaßt von Rudolf Scharping, wird deutlich: Der Leistungsempfänger soll sich um Gottes Willen nicht als Bittsteller betrachten! Er soll seine Ansprüche anmelden, einbringen und durchsetzen, auf gut deutsch: rausholen, was geht.

    Wenn so etwas auf fruchtbaren Boden fällt und sich die Adressaten daran halten: Worüber wundert sich dann noch Kurt Beck? Haben er und seine SPD, unterstützt von der anderen sozialdemokratischen Volkspartei, den Weg, von dem sie die Leute jetzt wieder abbringen wollen, denn nicht mit eigener Hand gepflastert? Warum erwartet er von den Wählern, den Menschen “draußen im Lande”, mehr Anstand, als er und seine Parteifreunde je aufgebracht haben? Hätte er sich bei den Leuten, deren Mitnahmegesinnung er anprangert, nach ihren Motiven erkundigt, wäre auch ihm der Refrain bekannt, der dort zu hören ist: Wenn Ihr so blöd seid, solche Gesetze zu machen, warum sollen wir sie nicht nutzen?

    Seine Vorvorgänger waren noch klüger. Als es im Jahre 1948 um die Grundzüge der neuen Wirtschaftsordnung, insbesondere die relativen Vorzüge von Markt und Plan ging, waren sich die Abgesandten aller Parteien darüber einig, daß Anstand und Moral überaus seltene Eigenschaften, wahrscheinlich die allerknappsten von allen knappen Gütern sind. Eine Beobachtung, aus der sie die einzige richtige Konsequenz zogen, sich für eine Sozialverfassung zu entscheiden, die mit einem Minimum an Anstand und Moral auskommen konnte.

    Ihre Nachfolger, die Katzer und die Blüm, die Arendt und die Ehrenberg, haben es genau umgekehrt gemacht und das Minimum durch ein Maximum an Moral ersetzt. Das konnte nicht gutgehen und ist ja auch nicht gutgegangen. Der Sozialstaat deutscher Observanz hätte nur dann überleben können, wenn seine Insassen sich sparsam statt verschwenderisch, weitschauend statt kurzsichtig, altruistisch statt egoistisch verhalten hätten. Weil das gegen die Natur war, ist das Gebilde in die Krise geraten. Den Ausweg findet es nur dann, wenn es die Menschen so nimmt, wie sie nun einmal sind.

    Wer nicht weiß, wie sie sind, der höre sich dort um, wo er die ehrlichsten Bekenntnisse zu der von Beck angeprangerten Lebensweise findet, bei den Propheten der postmodernen Zivilgesellschaft. Die haben mit ihrer Freude über eine Wohlfahrtsindustrie, die Ansprüche ohne Grundlage, Leistungen ohne Gegenleistung und Rechte ohne Pflichten kennt, ja nie hinter dem Berg gehalten. Der andere Beck, Professor Ulrich Beck aus München, hat das zum Anlaß genommen, das Hohelied auf die zu Unrecht mißachtete Kunst des Schmarotzertums zu singen. Na also!

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