Monatsarchiv für Mai 2006

 
 

Rütli ist überall.

Die Diskussion um die Rütli-Oberschule in Berlin ist inzwischen abgeebbt. Gott sei Dank? Ein einmaliger Ausrutscher im Berliner Bildungssystem, ausgelöst durch eine unglückliche Zusammenkunft von ausländischen Rabauken und nervenschwachen Lehrern, einfach ausmerzbar durch Sicherheitsdienste und einen neuen Rektor? Nein, das System fault schon seit Jahrzehnten, die Rütli-Oberschulen in Form des vernachlässigten Hauptschulsystems sind (fast) überall im Lande zu finden. Mit dem Unterschied, dass in Hauptschulen von Ballungsräumen die Schmelztiegel gehörig stärker unter Dampf stehen, als in ländlichen Gebieten.

Das grundlegende Problem ist, dass die Hauptschule immer schlechter den bildungssystematischen Notwendigkeiten gerecht wird und sich zum Sammelbecken von Verlierern entwickelt. Während die Hauptschule eigentlich einmal das Ziel hatte, die Schüler zu handwerklichen, industriellen und einfachen Dienstleistungsberufen zu vorzubereiten, wird das Handbuch für Hauptschulbildungsgang 1998 (Hg. v. Dietmar J. Bronder/Heinz-Jürgen Ipfling/Karl G. Zenke, Bd. 1: Grundlegung, Bad Heilbrunn: Klinkhardt.) erstaunlich direkt: Die Hauptschule gilt als Regelschule, muss also von den Schulträgern obligatorisch angeboten werden, und ist zugleich Pflichtschule, “weil alle schulpflichtigen Schüler und Schülerinnen, die keine andere Vollzeitschule besuchen, zum Besuch der Hauptschule verpflichtet sind.” Was sich hier zusammen mit fehlender oder verfehlter Integrationspolitik und mit geistiger Unterforderung vieler Hauptschüler für eine explosive Mischung zusammenbraut, kann man sich mit nur wenig Phantasie ausmalen. Ebenso benachteiligt sind Hauptschulabsolventen: Bewerben sich auf einen x-beliebigen Ausbildungsplatz sowohl ein Hauptschul-, als auch ein Realschulabsolvent oder Abiturient, hat der Hauptschulabsolvent in Normalfall deutlich geringere Chancen.

Es führt kein Weg vorbei, wir müssen das klassische Schulbild unbedingt länderübergreifend (!) reformieren und uns von der Dreigliedrigkeit Gymnasium-Realschule-Hauptschule verabschieden. Das Konzept der Haupt- und Realschule muß vereint werden (Konzept der so genannten Regionalschulen), um den heutigen Bildungsvoraussetzungen gerecht zu werden. Die Hauptschule muss als inzwischen fest eingeprägtes “Bildungsabstellgleis” selbst abgestellt werden.