Wir alle sind Deutschland.
Die Fussballweltmeisterschaft hat vielen eine andere Sicht dieses Landes gezeigt: Britische Journalisten schreiben verwundert darüber, dass Deutsche sehr wohl einen ausgeprägten und feinen Humor besitzen, andere Journalisten bewundern die Kunst, dass deutsche Zuschauer bei Spielen ohne deutsche Beteiligung nicht einfach nur Zuschauer sein wollten, sondern direkt und lautstark Partei für eine Mannschaft auf dem Platz ergriffen haben (fairerweise meist für die Mannschaft, die nicht mit einem eigenen Pulk von Fans ausgestattet daherkommen konnte). Wir können und also nach wie vor ansteckend begeistern, wir haben es nicht verlernt.
Es bewegten sich aber auch ganz andere Dinge, die mich persönlich als jemand mit einem “Migrationshintergrund” (abscheuliches Wort übrigens) berührten: Kaum hatte die deutsche Mannschaft die ersten Spiele gewonnen, wuchsen die Autokorsos und ich lachte zunächst über die Persiflage von SPIEGEL Online, in der ein “prolliger” Türke auf einem Autotreffen gebeten wurde, einer Gruppe von jungen Deutschen mal kurz zu zeigen, wie man einen “richtigen” Autokorso macht. Es kam aber noch viel besser:
In den Korsos fanden sich auch immer mehr hier lebende Ausländer, die, ohne mit der Wimper zu zucken, in einem deutschen Trikot steckten und die deutsche Flagge schwenkten. “Natürlich bin ich für Deutschland,” meinte ein Bekannter, den ich zufällig traf, “wir leben ja hier und die Türkei ist ja nicht bei der WM dabei.” Erstaunlicherweise funktionierte das landauf-landab, in den einschlägigen Fantreffen lagen sich Deutsche und Türken bei jedem Tor in den Armen und ließen gemeinsam die deutsche Mannschaft hochleben. Ich konnte es kaum fassen. Was habe ich mir nicht den Mund fusselig geredet und viele meiner türkischen Freunde immer wieder daran erinnert, dass Integration eine Sache ist, die immer von zwei Seiten begonnen werden muss; kaum kommt die Fussballweltmeisterschaft daher, vier Wochen Halligalli und dann sowas. So fängt Integration tatsächlich an, Freunde! Können wir diese Szenen nicht einfach tief in unseren Gedächtnissen verankern und weiter darüber staunen, welche Gemeinsamkeiten wir noch alle haben?

