Jenseits des Flaggenwahns – Was bleibt von der neuen, alten Patriotismus-Debatte?

Die WM wurde begleitet von einer Meisterschaft der Kommentare, Essays und Feuilletons. Deren Objekt war jedoch nicht der Ball, sondern ein neuer, alter Untersuchungsgegenstand: Wir! Es wurde eine verfahrene Debatte über Patriotismus, „Wir-Identität“, Nationalgefühle etc. geführt. Im unüberschaubaren deutschen Blätterwald entstand jedoch nur wenig Innovatives, sondern es brachen im Wesentlichen die alten Fronten wieder auf, die sich polarisierend gegenüberstanden: Auf der einen Seite stehen jene, die sich in „konservativer Heldenverehrung“ üben, die schon immer Stolz auf ihr Land wahren und sich nun endlich bestätigt fühlen: Schließlich sind WIR nun zur Normalität zurückgekehrt. Dieser Gruppe stehen die linken Kritiker gegenüber, die „auf Gott und Vaterland“ gerne verzichten und sich bestenfalls zum Pop-Patriotismus hinreißen lassen.

Und obwohl ich mich selbst ohne Scham in die letzte Gruppe wiederfinden würde, besteht der Sinn und Zweck dieses Beitrages nicht in einer rhetorischen angereicherten Wiederholung der bereits geführten Debatten, sondern vielmehr darin, positive Antworten auf die Suche nach der deutschen „Wir-Identität“ zu finden. Die These dieses Beitrages ist eindeutig: Wir brauchen weder konservativ durchsetzte Leitkulturen noch Pop-Patriotismus. Dagegen steht die Vision eines positiven, aufgeklärten Patriotismus.
Eine Lektion: Nie wieder „Du bist Deutschland“!

Die Financial Times Deutschland (http://ftd.de/sport/wm2006/news/wirtschaft/94067.html) zitierte Schätzungen, wonach während der WM etwa fünf Millionen Deutschland-Fahnen verkauft wurden. Hinzu kommen Millionen an Fähnchen und T-Shirts. Auch ein neuer „Post-WM“-Verkaufsschlager bahnt sich schon an: Auf den T-Shirts, den die Nationalspieler auf der Feier trugen, stand die Rückennummer „82“ darüber der Spielername: „Teamgeist“. Mancher fühlte sich vielleicht unfreiwillig an einen „Du bist Deutschland“-Spot erinnert, in welchem Oliver Kahn an UNS alle richtete: „Du bist 82 Millionen“. Die Bertelsmann-Initiative „Du bist Deutschland“ war ein reichlich misslungener „Vor-WM“-Beitrag, positives Denken und „neues deutsches Nationalgefühl“ zu verbinden. Die zum Teil nationalistisch anmutende Kampagne war im Wesentlichen eine „Gute-Laune-Kampagne“ und verfehlte ihre Wirkung.

Doch nach der WM, wo die ganze Welt zu Gast bei Freunden war, scheint es, als wurde die Verbindung von positivem Denken und neuem deutschen Nationalgefühl erfolgreich hergestellt: Haben „wir“ es also nun endlich geschafft? Bedeutet das unbesiegte Fahnenmeer, dass wir Deutsche in die Normalität zurückgekehrt sind, in der man völlig ungeniert stolz sein kann? Oder ist der neue Patriotismus lediglich Teil der bei jeder EM und WM wiederkehrenden „Debatten-Evergreens“ (Henryk M. Broder; in: Spiegel-Online; 1. Juni 2006; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,419191,00.html) bzw. sind es lediglich „momentane Aufwallungen“ (Gesine Schwan; Interview im Deutschland-Radio, 14.06.2006; http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/510404/), die nach dem Ende jeder EM/ WM wieder vorbei sind?

Die nun beginnende neue Zwischenzeit bis zu EM sollte dazu genutzt werden, eine deutsche „Wir-Identität“ zu formulieren, die mehr ist als ein Evergreen oder momentane Aufwallung. (Immerhin sollte man nicht vergessen: Die nächste WM findet in der Schweiz und Österreich statt!)
Der kleine Gartenzwerg, der vom Schäferhund bewacht wird. Oder: Worin besteht die neue deutsche „Normalität“?

Linke und Kritiker haben traditionell einen schweren Stand während der WM. Sie werden sehr schnell vom neutralen Unangepassten zum nervigen Nörgler oder gar zum „linken Spießer“. Nehmen wir deshalb einen „Kronzeugen“ aus dem rechten, thatcheristischen Lager: Anthony Alcock, Professor für European Integration an der britischen University of Ulster und bekennender Thatcher-Anhänger, formulierte in einem Interview mit mir folgende allgemeine Kritik an „uns Deutschen“: „You have no political culture!“
Hat Anthony nicht „irgendwie“ Recht? Anthropologisch und ethnologisch ist eine bestimmte politische Kultur bzw. kulturelle Identität im Allgemeinen unmittelbar mit Symbolen verbunden, die als kulturelle Ausdrücke wirken. WIR haben eine Hymne, von welcher nur die dritte Strophe gesungen werde darf und die ohnehin aus einer Zeit stammt, in der es „Deutschland“ noch gar nicht gab; wir haben ein Parlamentsgebäude, auf dem „Reichstag“ steht, das aber nicht der Reichstag sein darf, sondern der Bundestag ist. Vielleicht etwas passend für „unser Deutschland“ und als echtes Symbol dessen, was an „unserer politischen Kultur“ so alles falsch läuft, könnte man die Financial Times Deutschland vom 7. Juli zitieren:
„Ein dickes Geschäft machten Großhändler, denn die meisten der Flaggen kamen aus dem Ausland. Vier der fünf Millionen verkauften Deutschland-Fahnen stammten nach Schätzung eines Insiders nicht aus deutscher Produktion, sondern aus Fernost.“ http://ftd.de/sport/wm2006/news/wirtschaft/94067.html

UNS fehlen also die Symbole, die eine neue deutsche „Normalität“ ausmachen könnten. Doch zur Normalität gehören neben den Symbolen auch bestimmte Normen. Der Frankfurter Politologe Bernhard Moltmann definierte „Normen“ als „überindividuelle und zugleich für jedes Mitglied einer Gesellschaft verbindliche Verhaltensregeln“. Diese haben eine „universale und zeitungebundene, wenn nicht ewige Geltung.“ Da uns die Symbole fehlen: Sind denn wenigstens diese Verhaltensregeln, die deutsche Normalität ausmachen, vorhanden? Und: Worin bestehen diese Verhaltensregeln, die ewige Geltung haben sollen? Antworten darauf bieten die Leitsätze eines positiven Patriotismus’.

Die konkrete Utopie: positiver, aufgeklärter Patriotismus
Sogar DIE WELT scheint es verstanden zu haben: „Patriotismus in Zeiten des Übergewichts führt zur Anmutung von pommerschen Presswürsten“ (12. Juni 2006; http://www.welt.de/data/2006/06/12/911159.html). Nimmt man landläufig „Patriotismus“ und „Deutschland“ gleichzeitig in den Mund, dann kommt in der Debatte irgendwann auf jeden Fall der Bezug zu den (angeblichen) typischen deutschen Tugenden: Anstand, Sauberkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit etc. Negativ ausgedrückt bedeuten diesen Tugenden: „die Nachbarn wegen Lärmbelästigung anzeigen“, Einheitlichkeit bzw. Einheitsbrei, Schubladen-Denken und „Schwarz-Weiß“-Mentalität. Diese Tugenden gehören zu einem negativen Patriotismus. Ich werde als Beispiel nie meinen eigenen Umzug nach Berlin ins „anständige“ Stadtteil Westend vergessen: Die anderen Hausmitbewohner beschwerten sich darüber, dass mein Klingelschild nicht in der gleichen Schriftgröße und Schriftart wie alle anderen angebracht wurde!

Ein positiver Patriotismus besteht dagegen nicht aus exklusiven, kleinkarierten Sekundärtugenden. Robert B. Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Bill Clinton, formulierte in der amerikanischen Debatte das zentrale Leitmotiv für den von ihm postulierten positiven Patriotismus: R E A S O N. So lautet auch der Titel seines im Jahre 2004 erschienenen Buches, das er selbst als „liberales Manifest“ versteht und als aufgeklärte Antwort auf die Agenda der religiösen Rechten zu sehen ist.

Und was diktiert UNS Deutschen die Vernunft, die Ratio? Die Ratio lehrt uns bestimmte Verhaltensregeln einer Nation im Innern wie gegenüber der Welt:
• Toleranz
• Weltoffenheit
• Kulturpluralismus: Wie passt es eigentlich in das konservative Weltbild, dass türkische Basare ein schwarz-rot-goldnes Fahnenmeer waren?
• Sozialer Zusammenhalt: Die Schaffung von menschlichem Sozialkapital statt egoistischem „Jeder-gegen-Jeden“
• Freiheit der Lebensentwürfe

Gegenüber dem Rest der Welt geht es im Wesentlichen darum, dass der positive Patriotismus und der Stolz auf die eigene Identität dazu führt, dass die eigenen Werte und Moralvorstellungen (Stichwort: „Handlungsanweisungen“) weder nach außen missioniert noch andere damit kolonisiert werden. Das bedeutet auch, die Welt davon zu überzeugen, dass Integration über den Dialog der Kulturen funktionieren kann. Im Sinne Hans Küngs sollte der Islam und die in Deutschland lebenden Muslime nicht als „Feindbild“ betrachtet werden, sondern als „Hoffnungsbild“: Was können WIR vom Islam lernen?
Wir brauchen keinen neuen deutschen Außenminister Beckenbauer, der während der WM seine Freundin heiratet. Es geht auch nicht darum ein neues oder anderes Bild von Deutschland geben, sondern den Blick auf jenen Teil Deutschlands lenken, der bisher „bewusst unbewusst“ missachtet wurde:
Denkt man an Deutschland in der Nacht, dann vielleicht auch an die Frauen in der Rosenstraße, Bertha von Suttner; an berühmte Deutsche wie Albert Einstein, Goethe, Schiller und auch an Berthold Brecht. Einen anderen Blick auf Deutschland verbindet sich auch mit dem ersten deutschen Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde, der sich gewaltfrei gegen Kaiser Wilhelm zur Wehr setzte. Dieser Blick zeigt Deutschland in einer Tradition von Frieden, die schon bis in die Kaiserzeit zurückgeht.

Die WM brachte die Botschaft der Gastfreundschaft in die Welt. Vielleicht wird unser Deutschland ja doch noch zu einem „Ort, an den man gerne geht“ — auch ohne Fußballgroß-Ereignisse.

 
 
 

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