Tolerieren versus Integrieren.

Ich muss zugeben, ich finde als türkischstämmiger Deutscher den Auftritt von Tayyip Erdogan in vielen Dingen schlicht deplatziert. Mit seiner vermutlich eher unvorsichtig dahingeplapperten Forderung, türkischsprachige Schulen und Gymnasien in Deutschland einzurichten, redet er einen Großteil der Integrationsbemühungen in Deutschland madig.

Ich halte es für falsch, das komplette Gegenteil von Integration als erstrebenswertes Mittel zu fordern. Wir befinden uns hier alle in Deutschland und es ist nach wie vor immer noch so, dass die meisten Chancen auf persönliche Entfaltung damit gründen, die hiesige Sprache und Kultur zu kennen. Es war schon unendlich kompliziert und schmerzhaft genug, von der Idee des Multikultis wieder herunterzukommen, einem Schönbild von Leuten, die glauben, das Nebeneinander vieler Kulturen, wie es im Urlaub funktioniert, könnte auch großflächig in einer Gesellschaft funktionieren. Da ist es absolut nicht nötig, dass der türkische Ministerpräsident Erdogan sich hinstellt und 20.000 Türken erklärt, sie sollen sich integrieren, keinesfalls assimilieren. Wer spricht denn von Assimilation in Deutschland? Das ist – und da spreche ich aus Erfahrung von vielen Gesprächen mit Landsleuten – in erster Linie das unsägliche Lebensgefühl, dass man erleidet, wenn man sich nicht verständigen will oder kann und einen Teil seiner Meinungen über Staat und Gesellschaft auf Vorurteilen aufbaut.

Ich will damit keinesfalls die unsägliche Leidkulturdebatte vom Zaune brechen, denn die ist hier gar nicht das Thema. Meine Forderung ist nach wie vor die Herstellung und Sicherstellung der kommunikativen Basis: Wer in Deutschland gut deutsch spricht, hat schon mal die größte Hürde überwunden, die ihn von einer wirklichen Partizipation in der Gesellschaft abhält. Und dazu gehört, dass Deutsch die erste Sprache ist, die Schüler in Deutschland lernen, egal, welcher Nationalität und Abstammung sie sind.

In diesem Sinne ist es schön, dass Herr Erdogan in Deutschland war und ein paar wirklich wichtige Dinge für die Türkei deutlich angesprochen hat, beispielsweise den EU-Beitrittsfahrplan für die Türkei. Die Integration der Türken in Deutschland, lieber Herr Erdogan, das lassen Sie aber doch bitte uns “Almancilar” in Deutschland, also die “deutschen Türken” machen. Sicherlich ist die Integrationspolitik in Deutschland noch stark ausbaufähig. Für die dazu notwendigen Konzepte hat die Türkei aus der Ferne lange Jahrzehnte nicht wirklich Sinnvolles beigetragen, deswegen ist jetzt ein harscher Ton und die plötzliche Einsicht, er sei ja auch der Ministerpräsident und der Anwalt der hier lebenden Türken, nicht sehr glaubwürdig und auch nicht viel mehr als warme Worte. Die Integration steht und fällt hier.

 
 
 

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