Warum sollte die Mittelschicht SPD wählen?

Der Pulverdampf des vergangenen Wahlsonntags hat sich zwar wieder gelegt. Dennoch bedarf ein solches Wahlergebnis einer nachlaufenden Interpretation. 20,8 Prozent für die SPD bei einer bundesweiten Wahl sind absoluter Negativrekord. Als Erklärung muss nun die schwache Mobilisierung herhalten. Erscheint dies besonders stichhaltig, wenn in Baden-Württemberg über dem Bundesschnitt verloren wurde? Bei gleichzeitigen Kommunalwahlen und damit höherer Wahlbeteiligung?

Politik der letzten Monate – siehe auch Regierungsprogrammentwurf – auf allumfassende Rolle des Staates. Problem: in der Krise mit wegbrechenden Einnahmen glauben die Menschen die Versprechungen nicht. Kann man ihnen das verdenken?
In Anbetracht des gesamten Wahlergebnisses kann auch niemand bei klarem Verstand behaupten, dass die SPD zuwenig „links“ gewesen wäre. Die Füllhorn-Politiker der „Links“-Partei waren nunmal auch nicht die strahlenden Wahlsieger.

Die Strategie, auf die Staatsrettung großer, symbolischer Konzerne zu setzen, ist bisher in die Hose gegangen. Nicht einmal an den Opel-Standorten selbst (Eisenach, Rüsselsheim, Bochum) hat es der Wähler gedankt. Bei Staatshilfe für Arcandor mit einem auch ohne Krise veralteten Kaufhaus-Konzept war das Verständnis der meisten Bürger bereits restlos aufgebraucht.
Das Unverständnis ist umso größer, da die gleiche SPD sich um den normalen Mittelstandsbetrieb überhaupt nicht kümmert. Welche Konzepte hat die Sozialdemokratie anzubieten? Da steht kein Retter auf dem Lieferwagen. Da wandern selbst 330.000 SPD-Wähler (2005) heute zur FDP (zum Vergleich: 200.000 zur LiPa)

Die Kernfrage, die sich stellt: was hat die SPD einem ganz normalen Mittelschichtswähler (dazu gehören übrigens auch Arbeiter) anzubieten? Mit Mindestlohn, Hartz-IV-Regelsatz und Rentenalter ist kein Staat zu machen.
Die Erfolge der Grünen haben gezeigt, dass man mit der richtigen Mischung aus Regulierung, aber eben auch Modernisierung punkten kann. Wir müssen darüber nachdenken, wie so eine Projekt bei uns gestaltet werden kann.
Ein nochmaliger Linksruck auf dem Programmparteitag am kommenden Wochenende würde uns zwischen 20-22 Prozent im September einmauern.

Veröffentlicht von

Roman Götzmann

- Student an der Uni Mannheim - Juso-Landesvorsitzender Baden-Württemberg

7 Gedanken zu „Warum sollte die Mittelschicht SPD wählen?“

  1. Wir hätten ja gewählt…

    Wir zwei sind von NRW nach Baden-Württemberg gezogen.
    Weil wir noch keine DREI Monate in Böblingen gemeldet sind, wurden uns die Bürgerrechte entzogen, an der Kommunalwahl teilzunehmen.
    Was sagt Ihre Partei dazu?
    In Dettenhausen, wo wir vormals gewohnt hatten, können wir auch nicht wählen, weil wir dort nicht mehr gemeldet sind.

    Wie sehen Sie das?

    Über eine Antwort freuen wir uns.

    Fam. Schneidewind
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  2. „Ein nochmaliger Linksruck auf dem Programmparteitag am kommenden Wochenende würde uns zwischen 20-22 Prozent im September einmauern.“

    Entschuldigung, wo war der erste Linksruck? Meinen Sie den Putsch vom Schwielower See oder den des Ober-Seeheimers Johannes Kahrs im SPD-Bezirk HH-Eimsbüttel? Oder die Arbeiterführer-Attitüde des Staatsministers a. D., Steinmeier, bei Opel?

    Verwirrte Grüße

  3. Linksruck is wirklich jut, ey! Aus meinem persönlichen Umfeld – ich bin in der Gebäudereinigung tätig und weiss daher, was viele meiner Mitarbeiterinnen gewählt haben: garnichts! – fühlt sich von der SPD keiner richtig ernst genommen und schon garnicht vertreten.
    Mich wundert wirklich die Frage danach, warum die Mittelschicht nicht SPD gewählt hat. Warum sollte sie das denn tun, da wählen die doch lieber das Original, die Schwarzkittel von der CDU oder, wenn sie sich als Besserverdienende und Leistungsträger fühlen, die FDP (und keine schwarz/gelb angestrichene SPD).
    Ich halte es für einen verhängnisvollen Irrtum zu glauben, der typische Mittelschichtler sei Arbeiter.
    Der typische Arbeiter lebt und arbeitet in prekären Verhältnissen und weil die das Gefühl haben, die Politik interessiere sich nicht im geringsten für ihre Probleme, gehen die am Wahlsonntag sonstwo hin, aber bestimmt nicht zur Wahl.
    Wenn sie es denn doch tun würden, dann hätte die Linke sicherlich Zuwächse in dem Maß, wie die SPD sie verliert!
    Die Interessen der Arbeiter vertritt in diesem Lande offenbar niemand mehr in ausreichendem Umfang. Warum dann also wählen gehen, wenn das Ergebnis immer das gleiche ist? Denen, die schon genug haben, wird noch mehr hinterher geworfen und nach der Wahl werden die Mehrwertsteuern erhöht? Glaubt ihr wirklich, dass das auch nur einen Arbeiter hinter seinem Ofen hervorlockt, den er vermutlich bald schon nicht mehr wird heizen können? Ach stimmt ja, ich hab ganz vergessen, dass wir uns ja warm anziehen können – aber das muss sich die SPD auch, wenn sie weiter meint, da hin rennen zu müssen, wo die anderen Parteien schon sind, in die sogenannte Mitte!

  4. Die SPD könnte wieder DIE integrierende Volkspartei werden. Das scheint bei der augenblicklichen Situation (Umfragen etc.) und der deutlich differenzierten Wählerschaft und Wechselwählerschaft schwierig.
    Was aber meiner Meinung nach dafür sprechen könnte sind u.a. folgende Punkte:
    – Die SPD kann für die gewachsene säkulare Wählerschaft eine 1. Adresse werden, die CDU/CSU nicht so betont abdecken können.
    – Die Partei steht in ihrer Entwicklung und spätestens seit 1959 für den Ausgleich und die Verbindung von wirtschaftlicher Leistungskraft und sozialem Fundament. Die SPD sollte sich meiner Meinung nach auch als die integrierende Volkspartei der Sozialen Marktwirtschaft positionieren.
    – Die SPD steht sowohl gegen ein „Wegsparen“ der wichtigen und u.a. von der SPD oft (nicht immer) verteidigten sozialen Einrichtungen des Staates, wie auch gegen einen unbezahlbaren und ökonomisch nicht sinnvollen staatswirtschaftlichen Kurs, der von Teilen der Linkspartei propagiert wird. Mit der Verbindung von starkem Sozialstaat und wirtschaftsförderlichen Rahmenbedingungen wäre die SPD fähig, Wahlen zu gewinnen.

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