Kontra, Ausgabe 03/09
Die Wahl des Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 1998 war eine Entscheidung zwischen Oskar Lafontaine, dem Verlierer der letzten Wahl, und Gerhard Schröder, der soeben in Niedersachsen deutlich die Landtagswahlen für die SPD entschied.
Es war eine Wahl, die die SPD mehr auf die Probe stellen sollte, als es sich irgendwer hätte vorstellen können.
Die Bilanz von Schröders Politik, sie scheint ernüchternd: 5 Millionen Arbeitslose, eine zerbrochene SPD, von der sich die Linke als neue politische Kraft abspaltete, Rekordverschuldung und ein zerrüttetes transatlantisches Verhältnis. Eine vorgezogene Bundestagwahl, weil die eigene Partei den Agenda-Weg nicht länger beschreiten wollte und zu viele verlorene Bundesländer.

Und dennoch tut Unrecht, wer die Rot-Grüne Regierungszeit nicht als das anerkennt, was sie war. Eine innovative, eine reformbereite und eine deutlich andere, moderne Politik, als die der vorangegangenen 16 Jahre. Die Verdienste der Regierung Schröder zeigten sich spät, aber sie wirken noch immer. Die Sockelarbeitslosigkeit sank zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder im konjunkturellen Hoch ab. Die deutsche Wirtschaft konnte und kann im Zeitalter der Globalisierung international bestehen. Aber noch viel wichtiger als all diese wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen ist die Tatsache, dass Gerhard Schröder das Regieren in Deutschland neu erfand.
Wir steuern in eine Zukunft, in der klare Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat wohl eher der Vergangenheit angehören. Eine rote Ampel hätte aktuell gerade einmal 7 Stimmen im Bundesrat und könnte somit niemals auf eine Mehrheit hoffen. Gerhard Schröder hat bewiesen, dass die Blockaden im Bundesrat zu brechen sind. Durch einzelne Maßnahmen in Bundesländern, durch eine Rückbesinnung des Bundes auf die Rahmengesetzgebung, die nicht versucht bis ins kleinste Detail zu steuern, durch zielgerichtetes bereitstellen von Finanzressourcen für bestimmte Politikfelder, wie im Falle der Ganztagesbetreuung.
Rot-Grün stellt den Anbeginn einer neuen politischen Mehrheit in Deutschland dar. Wenngleich die Grünen wohl mehr auf das Bürgertum bauen denn auf die Arbeiterschaft, sie sind eine linke Partei und die Wahl 1998 hat bewiesen, dass linke Mehrheiten in Deutschland möglich sind. Schon heute gibt es eine Mehrheit im Bundestag jenseits von CDU/CSU und der FDP. Diese zu entwickeln und durch Dialog und Annäherung in Zukunft zu ermöglichen, wird der Zukunftsauftrag der nächsten Jahre werden. Dass heute die Gräben zwischen der SPD und der Linken unüberwindbar scheinen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Deutschland nicht länger keine Option mehr für eine Politik ganz im Sinne der Schwächsten geben kann.
International hat Deutschland begonnen unter Rot-Grün seine Verantwortung wahrzunehmen. Entgegen dem alten Prinzip des kompletten Pazifismus traf das linke Bündnis die Entscheidung, nicht länger alles auf dem Altar des Pazifismus zu opfern, sondern dort einzugreifen, wo Menschenrechte gefährdet sind. Dennoch, es gilt nichts schön zu reden. Wenngleich der serbische Diktator durch den Krieg nicht auf ewig im Amt gesichert wurde, wie Experten befürchteten und die Region heute einigermaßen stabil erscheint, es bliebe eine Lüge, nicht festzustellen, dass jener Kosovokrieg ein unrechtmäßiger war. Der Westen kann nicht allein aus seinen Werten heraus über Krieg und Frieden entscheiden. Wir brauchen die internationalen Institutionen und das klare Nein der SPD und Gerhard Schröders zum Irakkrieg zeigt, dass man aus eigenen Fehlern auch lernen kann.
Die SPD unter Gerhard Schröder hat viele Instrumente geschaffen, die unser Land auf eine globalisierte Welt vorbereiten und unseren Wohlstand sichern. Sie hat Fehler gemacht und ist zu oft der Ideologie der Deregulierung und Steuererleichterungen gefolgt. Sie hat die Leiharbeit möglich gemacht und damit richtig gehandelt, sie hat nur verfehlt, Sicherungen einzubauen. Sie hat sich für Arbeitnehmerschutz engagiert, aber sich noch gegen Mindestlöhne gestellt. Sie hat die Familienpolitik und das Scheidungsrecht erneuert, die eingetragene Lebenspartnerschaft eingeführt, ist aber leider an einem Kompromiss um das Zuwanderungsgesetz gescheitert.

Wie ein Metronom schlägt die SPD auch in beide Richtungen aus, mal nach links, dann unter Gerhard Schröder nach rechts und nach seinem Weggang wieder nach links. Wer böses spricht, der sagt, dass dieses hin und her Wechselhaftigkeit und Unvernunft sei, wer klug Politik betrachtet, der erkennt, dass es beides braucht, das Links und Rechts, damit die Politik im Takt bleibt. Die Welt ist schneller, komplizierter, vernetzter und schwieriger zu regeln geworden. Sie braucht einen klaren Taktanzeiger, der mal nach vorne prescht, um die Zukunft zu bereiten und mal zurückschaut und aufräumt, was beim Sprung in die Zukunft aus dem Blick geriet. Denn ohne Takt wird schwerlich Harmonie erzeugt.
Erik Flügge
(Kontra-Redaktion)
Bildquellen
oben: Maximilian-Mühlens-_jugendfotos.de; http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de
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