Im November 2008, also noch in den Zeiten der akuten Finanzmarktkrise trafen sich die Regierungschefs der wohl 20 wichtigsten Staaten der Welt in Washington, um Maßnahmen zur Krisenbewältigung und Ansätze zur Neuregelung der Finanzmärkte zu diskutieren. Der eigentliche G-20 Gipfel, bei dem es um konkrete Ziele ging, fand im April diesen Jahres in London statt.
Die Bilanz in Sachen „Maßnahmen zur Krisenbewältigung“ ist wohl einzigartig. Über eine Billion Dollar wurden in die Märkte gepumpt, Konjunkturprogramme aufgelegt – der Welthandel sollte wieder angekurbelt werden. Doch was wurde aus den Anstrengungen zur Regulierung der Finanzmärkte?
Die Ziele, die man sich in London zur Neuordnung der Finanzmärkte gesteckt hat, sind hoch. Als Leitlinien wurden die Reparatur des Finanzsystems, die Wiederherstellung des Vertrauens, eine Stärkung der Regulierung und eine bessere Mittelausstattung und Reformierung der internationalen Finanzinstitutionen (v.a. Weltbank und Internationaler Währungsfonds) formuliert.

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Der Internationale Währungsfonds soll in Zukunft über die Finanzsektoren aller Länder wachen und begutachten, wie sich die Politik der einzelnen Staaten auf den Rest der Welt auswirkt. Insgesamt soll die Regulierung innerhalb der Länder und zwischen den Ländern soweit verstärkt werden, dass weltweit eine konstant hohe Qualität an Regulierung erreicht wird.
Für die sogenannten Steueroasen dürfte es eng werden. Das Zeitalter des Bankgeheimnisses wurde auf dem Gipfel bereits für beendet erklärt. Im Bereich der Finanzindustrie soll verstärktes Augenmerk auf Transparenz, Verantwortung für das eigene Handeln und auf die Erfassung von systemweit gestreuten Risiken gelegt werden. Das Eingehen hoher Risiken durch Firmen und Privatpersonen soll an Attraktivität verlieren, indem unter anderem eine Ausrichtung der Boni-Systeme auf den langfristigen Erfolg einer Firma erfolgen soll. Auch soll die Finanzierung der beteiligten Institute risikoärmer als bisher gestaltet werden.
Das heißt, höhere Eigenkapitalquoten sollen durchgesetzt werden, was in guten Zeiten zu geringeren Eigenkapitalrenditen führen wird, in schlechten Zeiten, das Unternehmen jedoch krisenfester macht. Auf die viel gescholtenen Rating-Agenturen soll in Zukunft ein strenges Auge geworfen werden. Für die Koordinierung dieser Maßnahmen ist neben dem IWF das Financial Stability Board (FSB) angedacht, dem neben den G-20- Ländern die EU, Spanien und Vertreter internationaler Organisationen angehören. Alles in allem ein vielversprechendes Maßnahmenpaket – wenn es denn auch umgesetzt wird.
In den USA rumort es gewaltig. Präsident Obama wird von der Wirtschaft unter Druck gesetzt. Banklobbyisten geben sich die Klinke in die Hand, um das aus ihrer Sicht schlimmste zu verhindern. Strenge Aufsicht, strenge Prüfung ihrer Produkte und Bilanzen und vor allem strengere Eigenkapitalregeln. Mit wenig eigenem Geld und vielen Schulden hat man es zu astronomisch hohen Renditen gebracht, dies möchte man nicht aufgeben, genauso wenig, wie die üppigen Bonuszahlungen, die mittlerweile sogar in größeren Summen fließen als im Aufschwungsjahr vor der Krise.
Auch Groß-Britanniens Premier Gordon Brown hat zu Hause mit Problemen zu kämpfen, die die Neuordnung der Finanzwelt behindern dürften. Mit London steckt der größte Finanzplatz der Welt in einer tiefen Krise, dessen Erholung die Briten sicherlich nicht mit allzu viel Regulierung verzögern wollen. Fraglich ist auch, ob Brown überhaupt noch lange genug im Amt bleibt, um seine Ankündigungen umzusetzen, sieht doch momentan alles nach einem Wahlsieg der Tories aus.
Auch der Regierungswechsel in Deutschland dürfte den Anstrengungen zur Regulierung der Finanzmärkte nicht unbedingt zu Gute kommen. Der finanzpolitische Lotse der Regierung, Peer Steinbrück, ist von Bord und durch den auf diesem Feld eher unerfahrenen Wolfgang Schäuble ersetzt worden. Bisher konnte Kanzlerin Merkel auf der weltpolitischen Bühne eine Vorreiterrolle bei der Erarbeitung der neuen Architektur der Finanzmärkte beanspruchen. Mit der FDP als Koalitionspartner wird dies sicherlich schwerer. Doch der gerade zurückliegende G-20- Gipfel in Pittsburgh hat durchaus Erfreuliches zu Tage gebracht. Den Europäern ist es gelungen, Amerika in der Boni-Frage Zugeständnisse abzuringen. Einig war man sich bei der Forderung nach einer besseren Eigenkapitalausstattung der Banken, schärferer Kontrolle von Hedgefonds und der Überwachung von derivativen Finanzprodukten. Die Sache hat bloß einen großen Haken. An die Umsetzung der Beschlüsse geht es erst nach Beendigung des gegenwärtigen wirtschaftlichen Abschwungs. Bis dahin könnten die Erklärungen von London und Pittsburgh längst vergessen sein.
Leo Czerny
(Kontra-Redaktion)
Auszug aus KONTRA – Ausgabe 05/09