"Entschuldigung! Ich bin deutsch"

Entschuldigung! Ich bin deutsch

Heute mal ein Buchtipp: „Entschuldigung! Ich bin deutsch“, von Detlef Gürtler, erschienen im Murmann Verlag. Verlagsinfo zu diesem Büchlein:

Wir Deutschen sind die Besten. Wir sehen das zwar nicht so, aber es ist einfach Tatsache. Detlef Gürtler spricht aus, wie die neue starke Rolle Deutschlands in Europa auf seine Nachbarn und Freunde wirkt. Auf Schweizer und Österreicher, Engländer und Franzosen, auf Spanier und Italiener oder auf Türken und Holländer. Dort herrscht seit jeher eine Mischung aus Respekt, Angst und Bewunderung.
Der Autor, selbst Europäer mit Lebens- und Arbeitsschwerpunkten in Spanien, in der Schweiz und Deutschland, bittet im Namen seiner deutschen Landsleute um Entschuldigung. Gleichzeitig macht er Vorschläge, wie Europa aus der deutschen Umklammerung herauskommt.
Der Zwiespalt: Auch wenn am Ende die Europäer Europa vor der Germanisierung bewahren müssen, den Weg dorthin weist am besten wieder einmal ein Deutscher – die wissen schließlich alles besser. Typisch deutsch eben. Nicht immer sympathisch, aber gut.

Imagefilm des Verlags:

Reportage bei „arte“:

http://www.youtube.com/watch?v=gJU-n_zb9fM

Gürtler im Gespräch mit „NDR Kultur“.

Ausführliche Rezension bei „changeX“.

Meine persönliche Meinung: Ein sehr, sehr lesenswertes Büchlein. Gürtler nimmt den Begriff „Streitschrift“ zwar ernst, aber nicht bierernst. Das Buch ist in einem lockeren, fast schon flapsig zu nennenden Tonfall geschrieben; so, wie man den Autor u.a. von seinem „taz“-Blog „Wortistik“ kennt (sehr schön übrigens die wortistischen Erläuterungen zum „Grillenstaat“ und zur „Solaridität“). Ist es ein wirtschaftsliberales Buch, ein linkes Buch, ein mittiges Buch? Schwer zu sagen. In jedem Fall ist es ein europäisches Buch, das aufzeigen will, wohin es führen kann, wenn die Deutschen sich nicht am Riemen reißen. Es geht um Europa, um Frieden und Wohlstand. Dass die Deutschen jetzt liefern müssen, nachdem sie nach wie vor am meisten vom Euro profitieren, scheint dem Autor logisch zu sein. Seine Handlungsanweisung: es darf nicht Schritt für Schritt vorangehen, sondern das Chaos muss noch viel größer werden, die Deutschen dürfen keine Chance haben, darüber nachzudenken, was sie tun und was zu tun ist – also so, wie bei der Wiedervereinigung. Steinbrück nannte eine ähnliche Marschrichtung: die Wiedervereinigung habe alles in allem 2000 Milliarden Euro gekostet, da müssten für Europa auch ein paar Milliarden mehr drin sein.

Wer partout keine Zeit findet, dieses kleine Büchlein zu lesen, der kann sich möglicherweise auch mit der Lektüre von Gürtlers Kolumne beim MDR begnügen. In a nutshell jedenfalls vertritt er folgende Position:

Diese beiden Kulturen kriegt kein Wettbewerbsfähigkeitspakt zusammen. Wenn die Eurozone eine dauerhafte Überlebenschance haben will, muss sie sowohl den Grillen als auch den Ameisen einen für sie geeigneten Lebensraum bieten.

Noch kürzer, in meinen eigenen Worten: Europa darf und kann nicht zu einem deutschen Europa werden, sondern Vielfalt ist Trumpf.

Man muss dabei nicht alle Vergleiche mittragen und alle Schlussfolgerungen; die Erkenntnis, dass Merkel Deutschland in eine Sackgasse geführt hat, dass Deutschland in Europa der Buhmann ist, sollte jedoch zumindest nachdenklich machen. Wenn man dann immer noch der Meinung sein sollte, dass alles in bester Ordnung sei, dann hat man zumindest darüber nachgedacht.

Veröffentlicht von

Christian Soeder

Freier Mitarbeiter Internet SPD Baden-Württemberg