Open Access – staatlich geförderte Forschung muss für alle da sein

Unser Gastautor Lars Fischer ist Chemiker und Wissenschaftsjournalist in Heidelberg und arbeitet als Redakteur für das Online-Wissenschaftsmagazin spektrumdirekt. Außerdem schreibt er in seinem Fischblog regelmäßig über aktuelle Wissenschaftsthemen.

Archimedes von Syracus hat sich auch nicht still in seiner Schreibstube verschanzt, nachdem er in der Badewanne seinen Geistesblitz mit Volumen und spezifischem Gewicht hatte. Wie wir vom Chronisten Plutarch wissen, verlor er absolut keine Zeit, seine Mitbürger über seine Entdeckung in Kenntnis zu setzen. Heute rennen Wissenschaftler zwar nicht mehr nackt durch die Straßen, aber an der Schwelle zum 21. Jahrhundert kann die Öffentlichkeit wieder aus erster Hand am Strom der Entdeckungen teilhaben. Die wundertätige Formel heißt Open Access – wörtlich: Freier Zugang.

Die Basiseinheit der Wissenschaft, auf die sich heutzutage alles bezieht, ist die Publikation. Erst wenn ein Ergebnis nachvollziehbar beschrieben und dokumentiert ist, können sich andere Forscher überall auf der Welt darauf beziehen, es verwerfen oder erweitern. Bevor ein Artikel veröffentlicht wird, müssen mehrere Gutachter – selbst Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des betreffenden Fachgebietes – ihn für gut befinden, dann erscheint er in Fachzeitschriften wie Nature oder Science oder so spezialisierten Titeln wie dem Journal of Inorganic and Nuclear Chemistry.

Ein teures Monopol

Dank dieses gewachsenen Verfahren haben diese Fachzeitschriften und ihre Verleger ein Monopol auf wissenschaftliche Veröffentlichungen, das sie sich von der Forschung, und damit der Allgemeinheit, doppelt bezahlen lassen: Einerseits verlangen sie von Wissenschaftlern Geld für die Veröffentlichung, gelegentlich auch zusätzliche Gebühren für farbige Abbildungen und dergleichen, auf der anderen Seite müssen Universitäten und Bibliotheken für die Abonnements dieser Fachzeitschriften bezahlen. Und da sie dazu gezwungen sind, können die Wissenschaftsverlage die Preise nach Belieben diktieren. Genau das tun sie, mit jährlichen Preisaufschlägen von gerne mal zweistelligen Prozentzahlen.

Ein willkürlich herausgegriffenen Beispiel für die Preisentwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften. Einige Fachjournale kosten über 10.000 Euro im Jahr.
Ein willkürlich herausgegriffenen Beispiel für die Preisentwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften. Einige Fachjournale kosten über 10.000 Euro im Jahr.

Selbst gut ausgestattete Bibliotheken können sich nicht mehr alle nötigen Zeitschriften leisten, mit allen Problemen, Verzögerungen und Einschränkungen die das für die Wissenschaftler der betreffenden Institutionen mit sich bringt. Für Forscher und Forscherinnen aus weniger entwickelten Ländern ist der Zugang zu unverzichtbarem Wissen oft unerschwinglich, und für den Normalbürger natürlich auch.

All das ist ein Skandal. Denn haben wir nicht für diese wissenschaftlichen Ergebnisse schon mal bezahlt? Schließlich werden Universitäten und Forschungsinstitute mit Steuergeldern ausgestattet und betrieben, und auch die Gehälter der Wissenschaftler zahlt die Allgemeinheit. Und dann bezahlen die Wissenschaftler dafür, dass fremde Zeitschriften die hart erarbeiteten Erkenntnisse abdrucken dürfen und zu guter Letzt muss die Allgemeinheit die von ihr bezahlten Forschungsergebnisse für enorme Beträge wieder freikaufen. Das derzeitige System hat zur Folge, dass der Staat doppelt für die Ergebnisse der von ihm finanzierten Forschung zahlt. Das Schönste an der Sache ist, dass die Wissenschaftler meist alle Rechte an ihren Texten und den darin enthaltenen Abbildungen verlieren – sie dürfen ihre eigene Arbeit nicht einmal mehr an Kollegen weitergeben.

Freie Forschung heißt auch: Freier Zugang

All diese Probleme und Absurditäten haben dazu geführt, dass in den letzten Jahren Open Access zu einem immer wichtigeren Thema in der Wissenschaft geworden ist. Die grundsätzliche Idee ist, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen aus staatlich geförderter Forschung Allgemeingut sind und für die Allgemeinheit frei zugänglich sein sollen. Das kann auf vielerlei wegen erreicht werden, die alle in der einen oder anderen Weise schon beschritten werden. Es gibt inzwischen buchstäblich tausende Open-Access-Fachzeitschriften, deren Artikel man kostenlos einsehen und herunterladen kann, darunter so bedeutende wie PLoS Genetics mit einem Impact Factor von 9,532. Andere Varianten sehen lediglich vor, dass eine Publikation nach der Veröffentlichung und unter Umständen einer gewissen Frist von Autor oder Zeitschrift frei ins Internet gestellt wird. Eine angemessene Darstellung der komplexen und kontroversen Diskussion um die richtige Form und Umsetzung von Open Access ist in diesem Rahmen nicht mal ansatzweise möglich.

Inzwischen enthalten Verzeichnisse wie das DOAJ etwa 6000 frei zugängliche Fachzeitschriften - und täglich kommen neue hinzu.
Inzwischen enthalten Verzeichnisse wie das DOAJ etwa 6000 frei zugängliche Fachzeitschriften - und täglich kommen neue hinzu.

In der Wissenschaft selbst genießt die Idee des Open Access weithin große Zustimmung. Schon 2003 veröffentlichte eine große Gruppe von Forschungsorganisationen die Berliner Erklärung, die sich für freien Zugang zu Forschungsergebnissen ausspricht. In Deutschland unterstützen die Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer, die Leibnitz-Gemeinschaft und viele andere Institutionen diese Idee.

Open Access ist aber keineswegs nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein politisches Thema, nicht nur weil wir das Ganze ja bezahlen, sondern auch, weil der Zugang zu Bildung und Wissen eine Frage der Gerechtigkeit ist. Vor zwei Jahren habe ich deswegen eine Petition an den Deutschen Bundestag gerichtet, den kostenfreien Zugang zu öffentlich geförderten Forschungsergebnissen zu ermöglichen und zu fördern.

Open Access geht jeden an!

Das Echo war überwältigend. Obwohl das Thema sehr speziell ist, haben fast 24000 Unterstützer die Eingabe unterzeichnet, bundesweit erschien das Thema in Zeitungen, Radio und Online-Medien und auch mehrere Parteien bekundeten von Anfang an reges Interesse. Auch der Petitionsausschuss des Bundestags stellte in seinem Abschlussbericht fest, sie gehöre „zu den bisher am meisten beachteten öffentlichen Petitionen“. Das ist vielleicht die erstaunlichste Erkenntnis: Wie Wissenschaft betrieben wird und was mit ihren Ergebnissen passiert, ist vielen Bürgern ganz und gar nicht gleichgültig. Zugang zu Forschungsergebnissen, schrieb mir ein Unterstützer einmal, ist ein Gleichheitsrecht. Und das stimmt.

Besonders deutlich wird das, wenn man sich die Gründe anschaut, die gegen meine Petition ins Feld geführt wurden. Der Petitionsausschuss stellt im Abschlussbericht süffisant fest: „Als Argument haben diese Teilnehmer vorgetragen, dass nicht jeder Bürger wissenschaftliche Texte lesen wolle und die, die das wollten, würden zu den Besserverdienenden gehören und es sich somit leisten können, hierfür finanzielle Mittel aufzubringen.“ Mit anderen Worten: Nicht reich genug? Dann willst du das doch eh nicht wissen.

Das kann natürlich nicht sein, und hier ist die Politik gefragt. Zuerst einmal muss ein verbessertes Urheberrecht sicherstellen, dass die Wissenschaftler selbst die Früchte ihrer Arbeit in Zukunft wieder uneingeschränkt nutzen und verbreiten können. Außerdem muss der Gesetzgeber dem Umstand Rechnung tragen, dass Offenheit und Austausch Grundbedingung der Wissenschaft ist und Wissenschaftler Zugang zu allen wissenschaftlichen Ergebnissen brauchen, unabhängig von der finanziellen Ausstattung der lokalen Bibliothek. Und schließlich muss diese Offenheit auch für alle Bürger gelten, die ja nicht nur das finanzielle, sondern auch das kulturelle Fundament der Wissenschaft sind. Der Erfolg der Open-Access-Petition zeigt, dass die Wissensgesellschaft für weite Kreise der Bevölkerung gelebte Praxis ist, und es ist jetzt an der Politik, sie darin weiter zu bestärken.

Weitere Informationen sind auf der „Informationsplattform Open Access“ erhältlich.

2 Gedanken zu „Open Access – staatlich geförderte Forschung muss für alle da sein“

  1. Ich bin selbst Wissenschaftler und das Thema ist in der Tat präsent … und dann wieder auch nicht. Zumindest in den Naturwissenschaft und den Ingenieurwissenschaften wird nur sehr verhalten in OpenAccess-Journalen publiziert. Diesen Plattformen fehlt einfach (noch) das Renommee der etablierten Journale. Und schließlich: Die Abokosten zahlt ja primär nicht der Wissenschaftler aus seinem Budget, sondern „die Uni“ und man möchte halt doch gerne in diesem oder jenem Journal publizieren, weil das mehr in der Referenzliste hermacht. Es ist also schon noch ein weiter Weg und wenn ich sehe, wie schwer sich OpenSource tut, dann bin ich zumindest im Moment nur verhalten optimistisch.

  2. Vielen Dank noch einmal für die Initiative. Auch ich gehöre zu dieser vermeintlichen Anomalie: zu jener Handvoll (?) von Bürgern, die tatsächlich „wissenschaftliche Texte lesen“ wollen und dennoch nicht zu den „Besserverdienenden gehören“. Man müsste übrigens schon ganz außerordentlich gut verdienen, um sich zum Beispiel die medizinische und biologische Fachliteratur, die man im Rahmen einer Sachbuchrecherche einsehen will, leisten zu können: Bei Einzelartikelpreisen zwischen 30 und über 40 Euro kommen leicht hohe vier- bis fünfstellige Eurobeträge zusammen.

    Besonders absurd wird es, wenn ich als freie Publizistin im Auftrag eines Verlags, der zu einem der großen internationalen Wissenschaftsverlagshäuser gehört, Recherchen anstelle – und dennoch von demselben Verlagshaus zur Kasse gebeten werde. Meine Versuche, mit Springer Science & Business Media eine Lösung für dieses Problem auszuhandeln, wurden bislang hartnäckig ignoriert.

    Ähnlich absurd und entwürdigend ist die Lage emeritierter Wissenschaftler, die weiterhin Gutachten erstellen sollen, aber keinen freien Zugang zur Fachliteratur mehr haben. Wie sollen sie ohne Open Access eine hohe Qualität wissenschaftlicher Veröffenlichungen gewährleisten?

    So wird das nichts mit der Wissensgesellschaft. Und da die Verlage an einer Lösung dieser Probleme wenig Interesse zeigen, ist tatsächlich die Politik gefragt.

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