Was hat Bertha Benz mit dem Internet zu tun?

Einladungen zu sog. Facebook-Partys führen häufig zu einem nichtgewollten Gästeansturm und dem Einsatz von Polizei. Innenminister Gall fordert deshalb in einem Interview der Südwestpresse am 9.8. ein „knallhartes“ Vorgehen gegen die Veranstalter solcher Partys und schließt auch Verschärfung des Landespolizeigesetzes nicht aus. Aber allein mit rechtlichen Regelungen lassen sich solche Probleme bei der Nutzung von Social-Media-Diensten nicht vermeiden. Wer nicht die Risiken kennt und wer nicht weiß, wie man die Risiken vermeiden kann, muss immer damit rechnen, dass die Polizei vor der Tür steht und ein Gericht hohe Strafen verhängt.

Dies war ein Grund, weshalb die Landesanstalt für Medien NRW über das Medienkompetenzportal in NRW eine breite Aufklärungs- und Schulungskampagne durchführte. Dies führte u.a. zum Rückgang von Facebook-Fehlaktionen und überhaupt zu einem kritischeren Umgang mit den kostenlosen Internetangeboten, insbesondere bei Jugendlichen. Statt prohibitiv vorzugehen, sollte deshalb auch in Baden-Württemberg ein breites Fort- und Weiterbildungsprogramm aufgelegt werden, das die Möglichkeiten des Internets im Bereich der Sozialen Medien und „traditioneller“ Web-Angebote aufzeigt. Soziale Medien bieten sehr gute Möglichkeiten der kommunikativen Vernetzung, aber auch die Gefahr, Rechtsverstöße zu begehen, z.B. beim Urheberrecht, oder Opfer von Internet-Attacken zu werden. Nicht zu verkennen sind auch die Probleme der aktionistischen Informationsüberflutung, z.B. durch Twitter. Hier müssen neue Methoden zur effizienten und korrekten Nutzung von Informations- und Kommunikationsangeboten vermittelt, aber darüber hinaus auch ein Bewusstsein zur Wahrung einer individuellen Informationshygiene und des Persönlichkeitsschutzes aufgebaut werden.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei der technisch initiierte Erwartungsdruck bzw. eine Handlungskultur, dass alles schnell zugänglich sein soll. Eine differenzierte Nutzung von unterschiedlichen Medien- und Informationsangeboten sowie Strategien zu deren kritisch-reflektierende Nutzung wird dadurch erschwert. Mit der weitgehenden Beschränkung von Informationsrecherchen auf die Suchmaschine Google wird die Informationssouveränität des einzelnen Bürgers eingeschränkt. Im Bestreben alles einfacher und schneller zu bereitzustellen, filtert Google immer mehr Informationen aus und „sperrt“ uns in unsere individuelle Welt ein. Dies heißt nun nicht, dass Google oder Facebook abgeschafft werden sollen. Ich sehe es jedoch als wichtig für die weitere Entwicklung und den Erhalt unserer demokratischen Gesellschaft an, dass der Nutzen bzw. die Möglichkeiten und Grenzen in allen Bildungsbereichen thematisiert und die erforderlichen Medien-/Informationskompetenzen vermittelt werden. Es kann nicht sein, dass inzwischen wichtige, insbesondere wissenschaftliche Informationsangebote nicht mehr wahrgenommen werden, weil sie nicht auf den ersten Seiten einer Google-Anfrage erscheinen. Es ist wichtig sich auch Zeit zum Nachdenken und der Suche nach Alternativen zu lassen. Es darf nicht sein, dass Lehrer keine pädagogischen Fachportale kennen und genutzte Informationen/Literatur noch mit handschriftlichen Notizen erfassen, statt mit modernen Informations-/Literaturmanagementprogrammen (Zotero, Citavie, etc.) zu arbeiten.

Die Entwicklung des Internets lässt sich mit der des Automobils vergleichen. Bertha Benz hat vor 125 Jahren keinen Führerschein benötigt für ihre Fahrt von Mannheim nach Pforzheim – sie war allein auf der Straße. Gaspedal, Lenkrad und Bremsen sind auch heute noch die Kernelemente des Autos. Aber obgleich sich das Auto heute einfacher nutzen lässt, benötigt man einen Führerschein für den Umgang mit den vielen anderen Autofahrern und den hohen Geschwindigkeiten der Autos. Das Gleiche gilt auch für das Internet. Vor 20 Jahren war das Internet langsam und das Angebot gering. Inzwischen ist das Angebot unüberschaubar. Der Internetnutzer ist nicht nur passiver Nutzer, sondern auch aktiver Produzent von Informationen unterschiedlichster Art. Das Internet ist viel komplexer geworden und mit „virtuellen“ Gefahren verbunden. Das heißt nun nicht, dass ein Internetführerschein erforderlich ist. Nein, der würde nicht ausreichen. Das Internet ist ein wichtiges, unsere Gesellschaft prägendes Medium und noch erheblich komplexer als das Auto. Deshalb muss das Internet mit seinen Informations- und Kommunikationsangeboten stärker ins Zentrum unserer Bildungseinrichtungen kommen. Vor allem müssen die Lehrenden damit fahren lernen und gleichzeitig für die Initiierung von Lernprozessen bei Kindern, Jugendlichen, Studierenden und Erwachsenen nutzen können, z.B. mittels Lernplattformen und Edutainment-Angeboten.

Zurück zum Ausgangsproblem: Es fehlen nicht rechtliche Regelungen, sondern eine Bildungsoffensive. Vielleicht trägt hier die Arbeit der Bundestags-Enquete-Kommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ Früchte, aber auch im Land Baden-Württemberg müssen wir etwas tun. Hier sind die Kultus- und Wissenschaftsministerien gefordert. Sie sollten dabei alle institutionellen Akteure, die über entsprechende Qualifikationen und Ressourcen verfügen, insbesondere Bibliotheken und Medienzentren, systematisch einbinden.

Veröffentlicht von

Benno Homann

Lehramtsstudium der Politik, Geschichte, Germanistik (Examen 1978) wiss. Angestellter (1979-1990) Fachreferent und Abteilungsleiter Universitätsbibliothek Heidelberg (seit 1990) Mitglied in internationalen und nationalen Bibliotheksgremien SPD-Mitglied seit 1982 Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat Kronau Themenschwerpunkte: Informations-/Medienkompetenz, Direkte-Demokratie, Sozial- und Haushaltspolitik weiteres unter: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/schulung/vortraege.html

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