“Sie geht bisher dem harten Schlagabtausch aus dem Weg und präsentiert sich dem Volk in Interviews und bei Auftritten von der harmonischen Seite.” So lese ich gerade in einem kurzen Bericht über Angela Merkels Sommerinterview. So kann man das auch umschreiben. Ich nenne es Missachtung der Wählerinnen und Wähler, wenn eine Kanzlerin fünf Wochen vor der Wahl so auftritt, als sei sie eine Präsidentin, die mit allen aktuellen Diskussionen und Entscheidungen nichts zu tun hat. Demokratie lebt von Auseinandersetzung und auch von Wettstreit um die besten Ideen. Nun kann man individuell nachvollziehen, dass Frau Merkel ihre Ideen lieber für sich behält. Machte sie doch 2005 die Erfahrung, dass keiner ihrer Vorschläge so richtig ankam. Abschaffung des Kündigungsschutzes oder Kopfpauschale bei den Krankenkassen, weniger Mitbestimmung, stärkere Besteuerung von Schicht- und Nachtzuschlägen oder die Rücknahme des Atomausstiegs – all dem haben Wählerinnen und Wähler bereits damals eine Absage erteilt. Und die SPD hat im Koalitionsvertrag dafür gesorgt, dass nichts davon umgesetzt werden konnte! Aber ist es deshalb vergessen? Nein. Das schnell wieder versteckte Papier aus dem Hause zu Guttenberg zeigt: Da wartet jemand nur auf den richtigen Koalitionspartner. Das ist taktisch, aber nicht ehrlich. Führung sieht anders aus. Denn Führung erfordert nicht nur taktisches Abwarten, sondern klare Ansage. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur andere Parteien, sondern auch die Wählerinnen und Wähler noch rechtzeitig aufbegehren und Aussagen einfordern. Vielleicht fangen dann auch mehr Medienvertreter an zu fragen und belassen es nicht dabei, sich nur zu wundern. Denn wie dauerhaftes Aussitzen ein Land lähmen kann, müssten uns 16 Jahre Kohl eigentlich zu Genüge gelehrt haben.