Schlechter Wahlkampf, schlechter Verlierer

Die Brezel ist wieder frei

Die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart war für die SPD leider kein Erfolg. Das Ergebnis ist, wie es ist – damit müssen wir umgehen. Positiv fand ich, dass die SPD trotz großer Erregung auf allen Seiten einen soliden und ehrlichen Wahlkampfstil beibehalten hat, ohne schrille Töne und wilde Anschuldigungen. Damit hat sie sich wohlwollend von CDU-Mann Turner abgehoben, dessen Büchsenspanner Zielcke auf der offiziellen Turner-Website in vielen Kolumnen daran gearbeitet hat, Fritz Kuhn systematisch zu diskreditieren. Einige Kostproben:

„Stuttgart braucht keinen alten Parteisoldaten, für den es offenbar weder in Berlin noch in Heidelberg eine weitere Verwendung gibt.“

„Kein Mann mit Zukunft, denn die ist international! Zu alt, zu wenig in der Welt herumgekommen. Da hilft ihm auch nicht, dass er sich bei den Stuttgarter Italienern mit seinen Pastakochkünsten anbiedert.“

„Sebastian Turner ist jung, einfallsreich, erfolgreich, ein glaubwürdiger Stuttgarter Bürger – Fritz Kuhn ist alt, hat keinerlei Führungserfahrung, er dreht und wendet sich wie ein Wendehals, Kuhn hat sich selbst unglaubwürdig gemacht.“

Und so weiter, und so fort. Immer drauf, immer dreckig.

Nun gut, das ist eben Wahlkampf, möchte man meinen. Da geht es eben auch mal ruppig zu, es ist kein Spiel, sondern es geht um was. Nun gut. Das darf man so sehen, die Wählerinnen und Wähler haben ja an der Urne gezeigt, was sie davon halten.

Jetzt, im Nachgang der Wahl, zeigt Turner indessen noch einmal, was von ihm zu halten ist: In einem „Offenen Brief“ an Fritz Kuhn, den er scheinheilig „Die Lösung liegt auf der Hand, lieber Fritz Kuhn“ überschreibt und in der „Welt“ veröffentlicht hat, ist zu lesen:

Wenn Stuttgart jetzt etwas braucht, dann den Schritt vom erregten Konflikt zum sachlichen Gespräch – aber das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Wahrscheinlich kann das niemand besser vormachen als wir beide als Finalisten des Oberbürgermeister-Wahlkampfes.

Nach den obigen Zitaten ist das doch durchaus erstaunlich, diese Selbsteinschätzung. Denn wenn es das ist, was Turner unter einem sachlichen Gespräch versteht, den Gegner als Mann ohne Zukunft zu bezeichnen, dann kann ich nur sagen, dass ich unter einem sachlichen Gespräch etwas anderes verstehe.

Aber, immerhin, Turner scheint selbst einzusehen, dass es nicht ganz so war, wir er uns glauben machen will:

Da ich hier gerade schreibe, fange ich gerne an – mit einem herzlichen Glückwunsch und einer Entschuldigung. Der Glückwunsch gilt dem Wahlerfolg und die Entschuldigung, weil Sie sich, wie in den letzten Wahlkampftagen erklärt, von mir „geschmäht“ fühlten. Das bedaure ich.

Äh, nein. Sehr geehrter Herr Turner, ich weiß nicht, ob Sie es wissen – aber so funktioniert eine Entschuldigung nicht. Zuerst einmal können Sie sich nicht selbst entschuldigen, das kann nur der, dem sie ein Leid angetan haben. Sie könnten allenfalls um Entschuldigung bitten – aber selbst das bekämen Sie nicht hin. Eine Bitte um Entschuldigung ginge ungefähr so: „Lieber Fritz Kuhn, in den letzten Wochen des Wahlkampfs haben mein Team und ich überdreht und Sie geschmäht. Das haben Sie nicht verdient, deshalb bitte ich Sie um Entschuldigung.“ So funktioniert das – man gesteht zu, etwas falsch gemacht zu haben, und hofft dann auf Vergebung, die dann im Normalfall auch gewährt wird. Sich jedoch quasi selbst freizusprechen und dann noch zu unterstellen, man habe es eigentlich gar nicht so gemeint, sondern sei nur ärgerlicherweise von dem anderen falsch verstanden worden – das ist wirklich abstrus.

Der letzte Absatz dieses „Offenen Briefs“ ist nicht besser und passt ins Bild:

Wenn die Unzufriedenheit mit der Alltagsleistung der Stadt der Grund für die Intensität des Streites sein sollte, dann liegt die Lösung auf der Hand: In der ganzen Breite der städtischen Aufgaben wäre die Qualität zu verbessern. Dafür wünsche ich Ihnen die notwendige Kraft und das unerlässliche Glück.

Ach. Zu empfehlen, die Qualität zu verbessern – dass darauf noch niemand gekommen ist! Eine bahnbrechende Idee. Nicht.

Stuttgart kann wirklich glücklich sein, dass der Turner-Kelch vorüber ging.

(Über die Lage der SPD sprechen wir dann ein anderes Mal.)

Nachrichten am Montag: SPD für Baustopp bei Stuttgart 21

SWR: Schmid fordert sofortigen Baustopp bei Stuttgart 21: SPD-Landeschef Nils Schmid fordert einen sofortigen Stopp der Bauarbeiten beim Milliardenprojekt Stuttgart 21. Eine Pause lediglich während des für Freitag geplanten Spitzengesprächs von Befürwortern und Gegnern des Projekts sei der SPD zu wenig.

BILD: SPD-Chef für Baustopp als Geste an Stuttgart-21-Gegner: Baden-Württembergs SPD-Chef Nils Schmid hat sich dafür ausgesprochen, die Abbrucharbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof für ein Spitzentreffen zu Stuttgart 21 auszusetzen.

Zollern-Alb-Kurier: Auch SPD für S-21-Baustopp: Der Ruf nach einem vorläufigen Stopp der Abbrucharbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 wird auch im Lager der Befürworter lauter. Am Freitag sprach sich erstmals SPD-Landeschef Nils Schmid dafür aus, die Abrissarbeiten am Hauptbahnhof für ein Spitzentreffen von Bahn, Landesregierung und S-21-Gegnern auszusetzen.

BILD: SPD-Chef fordert sofortigen Baustopp am Bahnhof: Wenn schon, denn schon: Damit der Baustopp am Milliardenprojekt Stuttgart 21 auch als ernst gemeinte Geste wahrgenommen wird, müssen die Bagger am Hauptbahnhof aus Sicht von SPD-Landeschef Nils Schmid sofort ruhen.

Will Justizminister Ulrich Goll (FDP) die Steuerbetrüger schützen?

Laut SWR will Justizminister Ulrich Goll (FDP) den Ankauf der Steuerbetrüger-Daten-CD verhindern. Finanzminister Wili Stächele (CDU) ist anderer Ansicht: kaufen. Recht so! Schließlich hat der baden-württembergische Landtag dank der SPD-Landtagsfraktion dahingehend einen klaren Beschluss gefasst.

Was sich allerdings Justizminister Goll davon verspricht, zum Schutzheiligen der Steuerbetrüger zu mutieren, bleibt schleierhaft. Es scheint, die Mövenpick-Partei FDP ist noch nicht tief genug gefallen.

Pressespiegel: Mappus, Scheffold und die Daten-CD

Focus, 5.2.2010: Ganoven-Daten: Eklat im Stuttgarter Landtag:

Viele CDU-Abgeordnete sind – wie auch die Bundes-CDU – durchaus dafür, dass die CD gekauft wird, um die Steuerhinterzieher verfolgen zu können. Dazu, so hieß es nun in der Fraktion, hätte die CDU aber einen eigenen Antrag formulieren müssen. Aber Mappus hatte nach Angaben aus CDU-Kreisen noch nicht einmal die engere Fraktionsführung über sein Gespräch mit Straub informiert.

Stuttgarter Zeitung, 5.2.2010: Land prüft Kauf von Bankdaten:

Die SPD unterbreitete in den Etatberatungen einen Antrag. Danach sollte sich das Landesparlament für den Erwerb der Datensammlung aussprechen. Der Antrag wurde mehrheitlich angenommen, weil CDU-Fraktionschef Stefan Mappus mit seiner Strategie gescheitert war. Er wollte den Antrag erst gar nicht behandeln lassen. Die meisten Abgeordneten der Regierungskoalition enthielten sich ihrer Stimme.

Stuttgarter Nachrichten, 6.2.2010: Geheimabsprache bringt Mappus in Not:

„Was Mappus da versucht hat, ist ein klarer Verfassungsbruch“, räumen selbst CDU-Abgeordnete später ein. „Der Vorsitzende der Regierungsfraktion darf sich nicht heimlich mit dem Parlamentspräsidenten absprechen“, heißt es. „Sie haben grundlegende parlamentarische Regeln gebrochen“, giftet SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel zu Mappus. Vom „eklatanten Eingriff in die Rechte der Opposition“ ist die Rede. Und fraktionsübergreifend sind sich Juristen einig, der Antrag der SPD „war vielleicht überflüssig, aber zulässig“.

Südwest-Presse, 6.2.2010: Mappus nach Eklat im Landtag unter Druck:

Dazu sagte der CDU-Abgeordnete: „Schmiedel hat Recht. Da fühle ich mich auch als Parlamentarier betroffen. Der Vorsitzende der Regierungsfraktion darf sich nicht heimlich mit dem Parlamentspräsidenten absprechen.“ Ein anderer meinte: „Da gibt es ein eindeutiges Führungsversagen.“ Die Angelegenheit werde ein Nachspiel haben. „Die werden einiges erklären müssen“, sagte ein Fraktionär mit Blick auf Mappus und Scheffold.

Badische Zeitung, 6.2.2010: Kollegen sauer auf Mappus:

Scheffold bewirbt sich um den dann freiwerdenden Fraktionsvorsitz und konkurriert dabei mit Agrarminister Peter Hauk und mit Fraktionsvize Klaus Schüle. Ein CDU-Abgeordneter sagte über Scheffolds Aussichten nach dem Eklat: „Der hat sich selbst abgeschossen.“

CDU-Land Baden-Württemberg: Gundolf Fleischer im Visier

Gundolf Fleischer, Staatssekretär im Stuttgarter Finanzministerium und „CDU-Pate“, galt jahrelang als quasi unantastbar – er hatte sein CDU-Netz weit und fein gesponnen. Jetzt gerät er in Bedrängnis: seine Immunität ist aufgehoben, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Fleischer zahlte keine Miete für sein Wahlkreisbüro, soll örtliche Unternehmen rechtswidrig bevorteilt haben – SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel spricht von Korruption. Der Hintergrundbericht über Fleischer ist mit einem schönen Zitat von Bärbel Mielich (Grüne) versehen: „Er verkörpert wie sonst keiner den Anspruch, dass Baden-Württemberg das Eigentum der CDU ist.“

Die Causa Fleischer ist ärgerlich für Staat und Demokratie, schürt Politikverdrossenheit und generell das Misstrauen gegen „die da oben“. Und er ähnelt in frappierender Weise der Causa van Dinther in NRW.

Doch das grundlegende Problem ist ein anderes. Die CDU beansprucht Baden-Württemberg für sich. Die jahrzehntelange Machtkonzentration hat die erfolgsverwöhnte Partei übermütig und hart gemacht: Bedeutende Arbeitskreise hetzen gegen Minderheiten. Der Ministerpräsident wird einfach so abgesägt, nach Brüssel abgeschoben, obwohl er kein Englisch kann. Der designierte Nachfolger legt in Gutsherren-Art den Termin seiner Wahl fest. Und engagierte Ehrenamtliche müssen sich Vorwürfe gefallen lassen, weil sie die ideologische Verblendung der Parteifreunde in der Landesregierung nicht mittragen können und wollen.

Das sind die Zustände im real-existierenden CDU-Land Baden-Württemberg.

Gundolf Fleischer will 2011 übrigens Landtagspräsident in Baden-Württemberg werden.

Schmiedel verteidigt Rücktritt der Landeselternbeiratsvorsitzenden Staab

Die SPD-Landtagsfraktion weist die heutige Kritik von Noch-Ministerpräsident Oettinger an der Rücktrittsbegründung der Landeselternbeiratsvorsitzenden Christiane Staab zurück. Seine Äußerungen zeigten, dass die CDU noch immer nicht begriffen habe, worum es den Eltern gehe: Sie wollten eine Schule, die den heutigen Ansprüche genüge, die die Schüler individuell fördere und einen wirklichen Ganztagsbereich umfasse. „Frau Staab ist daran verzweifelt, dass die CDU-Fraktion unbedingt an einer Schule festhalten will, die vor 30 Jahren zeitgemäß war“, sagte SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel.

Schwer wiege auch, wie das Kultusministerium mit der Kritik des Landeselternbeirats zwischenmenschlich umgegangen sei. Offenbar habe nach der Fundamentalkritik des LEB an der Werkrealschule Eiseskälte bis hin zu persönlicher Missachtung geherrscht. „Wenn eine engagierte und anerkannte Persönlichkeit wie Christiane Staab sich verhöhnt fühlt und ein Jahr nach ihrer Wiederwahl den Bettel hinschmeißt, dann geht es hier um mehr als um fachliche Differenzen, dann steht der letzte Rest an Vertrauen zwischen Elternschaft und Kultusbürokratie auf dem Spiel“, unterstrich Schmiedel. Der Rücktritt unterstreiche deshalb, wie wichtig es sei, die Eltern als wichtigen Partner in der Bildungspolitik zu akzeptieren. „Die Politik von Rau und der CDU-Fraktion, ihre Bildungspolitik wie beim G 8 oder der Werkrealschule gegen die Eltern und die Kommunen durchsetzen zu wollen, ist absolut von gestern“, unterstrich Schmiedel.

(SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg)