Kontra, Ausgabe 03/09
Der 1. Mai, traditionell der Tag der Arbeit. Unser Tag! Der Tag für diejenigen, die sich mit der Arbeiterbewegung verbunden fühlen. In Ulm wird dieser Tag schon seit jeher von den Gewerkschaften gefeiert, dieses Mal stand er allerdings unter anderen Vorzeichen als die Jahre zuvor.
Dieses Jahr haben neben den Gewerkschaften auch die Faschisten zur Maikundgebung aufgerufen. Unter dem Motto „Aufruhr im Paradies“ haben Faschisten mit ihrer „linken Sozial-Rhetorik“ wieder einmal versucht, die Gesellschaft zu blenden. Mit Erfolg?
Ja mit Erfolg. Abgesehen davon, dass die Faschisten ungehindert in Ulm marschieren konnten, bergen die Nazis noch eine ganz andere Bedrohung. Laut einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung sind Gewerkschaftsmitglieder in gleichem Maße anfällig für rechtsextremistisches Gedankengut wie der Rest der deutschen Bevölkerung. Anfällig seien etwa 20% aller Deutschen und 19,1% aller GewerkschafterInnen. Befragt wurde ein repräsentativer Teil unter anderen über die Befürwortung einer Diktatur, Chauvinismus, Sozialdarwinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Wir können also davon ausgehen, dass jede/r fünfte Deutsche rechtsextreme Tendenzen in seiner Einstellung trägt und dies hat besonders in Zeiten der Wirtschaftskrise gravierende Folgen.
Die ewig Gestrigen liefern in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten die einfachen (wenn auch fatal falschen) Lösungen. Mit diesen ziehen sie durch unsere Städte und Gemeinden und geben scheinbar denen Hoffnung, die ihren Job und damit ihre Perspektive in der Krise verloren haben.

Es war ein bizarres Bild am 1. Mai in Ulm: 12.000 Menschen am Münsterplatz lauschten dem begnadetem Liedermacher Konstantin Wecker. Noch viele tausend Menschen mehr schlenderten durch Ulm von Platz zu Platz. Das Bündnis gegen Rechts veranstaltete an jedem öffentlichen Platz eine Aktion gegen Rechts. Ob Kirchen, Parteien, Vereine oder gar die Jusos: die Stadt glich einem Volksfest, an dem sich alle beteiligten. Von “sich den Nazis in den Weg stellen” oder “keinen Fußbriet den Faschisten” war allerdings keine Spur.
Doch nur wenige Straßenblocks weiter tobte das Chaos. Steine flogen, Flaschen zerbrachen, ohrenbetäubender Lärm machte sich breit. Die Polizei griff mit ungeahnter Härte durch und machte damit Platz für die Faschisten. Eine Möglichkeit für die vielen Gegendemonstranten, den Naziaufmarsch zu verhindern, gab es nicht. Ich selber bin noch nie in einer solchen Situation gewesen.
Aber legitimiert dies die Polizei, mit solcher Härte durchzugreifen? Immer mit dem Wissen, dass Polizisten auch nur Menschen sind, befand ich diese Art der Deeskalation als nicht angebracht. Im Gegenteil, diese Vorgehensweise provozierte Gewalttaten der Gegendemonstranten. Ich selbst bin auch unter die „Räder“ der Polizisten gekommen, die mit Schlagstöcken eine Gasse geräumt haben. Diese Gasse allerdings war gute 200 Meter von der Nazidemonstration entfernt gewesen.
Die Nazis jedoch feiern diesen Tag als ihren Erfolg und kündigten schon weitere Demonstrationen an. Wie wird dann die Strategie der Nazigegener sein? Werden wir wieder „feiern“ für Toleranz und Demokratie? Oder werden es das Bürgertum samt DGB und der Oberbürgermeister von Ulm, Ivo Gönner, schaffen, sich endlich den Nazis in den Weg zu stellen?
Frederic Striegler
(stv. Landesvorsitzender)
Bildquelle:
Konstantin Orlowski_jugendfotos.de; http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de