Erwünschte und unerwünschte Wirkungen belohnungsorientierter Vergütung

„Leistungsorientierte“ Vergütung sickert von den Chefetagen der großen Aktiengesellschaften langsam aber sicher in die breite Masse der Hochqualifizierten. Wer möchte nicht gerne entsprechend seiner „Leistung“ bezahlt werden. Dann würde man selber endlich mal … – und die faulen Anderen erst …

Als Mitglied des Betriebsrates des größten europäischen Softwareunternehmens befasse ich mich wesentlich mit Fragen der Vergütung. Mein Eindruck ist, dass gerade in den sogenannten „leistungsorientierten“ Vergütungssystemen am aller wenigsten nach „Leistung“ bezahlt wird: „Pay-for-Performance“ als Euphemismus – woran liegt das?

Geld ist nicht gleich Geld. Menschen interpretieren das Geld, das sie erhalten je nach Kontext, in dem sie es erhalten, sehr unterschiedlich.

Betrachtet man die sogenannte „Leistungsorientierung“ genauer, stellt man rasch fest, dass der Begriff „Belohnungsorientierung“ viel treffender ist! Als belohnungsorientiert sehe ich Vergütungssysteme an, die die unmittelbare Steuerung von Verhalten in einem relativen Raum der Freiheit mittels materieller, meist finanzieller Anreize zum Ziel haben.

Eigentlich weiß jede Mutter und jeder Vater, was mit Kindern passiert, die systematischen Belohnungssystemen ausgesetzt werden. Manager oder Hochqualifizierte machen hier keine Ausnahme. Meine wesentliche These ist, dass belohnungsorientierte Vergütungssysteme in destabilisierender Weise in das menschliche System der Selbstregelung eingreifen und dabei Mechanismen in Gang setzen, die mit einer Abhängigkeitsentwicklung vergleichbar sind.

Als Wirkungen von belohnungsorientierten Vergütungssystemen im beruflichen Kontext sind anzusehen:

  • Leistungssteigerung bei einfachen Tätigkeiten, für die Menschen keine intrinsische Motivation aufbringen.
  • Bessere Steuerbarkeit des Menschen.
  • Gefährdung der Autonomie bzw. der Selbstständigkeit des Menschen.
  • Gefährdung der Gesundheit.
  • Verdrängung der intrinsischen Motivation des Menschen.
  • Erlernen, dass die unmittelbare Meinung des Belohnenden über die erbrachte Leistung wesentlich mehr zählt als die eigene Meinung.
  • Verdrängung der Kooperation zwischen den Kollegen durch Wettbewerb um die Gunst des Vorgesetzten.
  • Verschlechterung des Urteilsvermögens – zum einen über sich selbst, als auch systembedingt über andere.
  • Behinderung der Personalentwicklung.
  • Verstärkung der formalen Elemente im Umgang miteinander und Verlust von Flexibilität.
  • Begünstigung einer Kultur des Misstrauens.
  • Benachteiligung von Beschäftigtengruppen der Berufsanfänger, Älteren oder auch Teilzeitkräften.
  • Verlust von Kreativität und Innovationspotential.
  • Hohe administrative Kosten.

Wenn das Wirkspektrum belohnungsorientierter Vergütung so offensichtlich negativ ist – warum wird sie so weitreichend eingesetzt?

Weil sie ihre vermeintliche Überzeugungskraft aus einem momentan ebenso weitreichenden wie irrigen ökonomischen Theorierahmen schöpft, den ich als „Kapital-Radikalismus“ bezeichne. In ihm wird der Mensch per se als Egoist ohne soziale Präferenz angesehen und der Zweck von Unternehmen einseitig über die Interessen der Kapitaleigner definiert. Ähnlich wie politischer Radikalismus ist dieser Kapital-Radikalismus auf die Beseitigung seiner eigenen Voraussetzung gerichtet. Wird er effektiv umgesetzt, destabilisiert er das gesamte Wirtschaftssystem – die Finanz- und Wirtschaftskrise lässt grüßen.

In seiner Umsetzung spielt belohnungsorientierte Vergütung zum Zwecke der Steuerung eigentlich selbstständiger Menschen eine Schlüsselrolle. Deshalb gehe ich davon aus, dass eine Beseitigung dieser Vergütungsform auf längere Sicht durchgreifende weitere positive Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem nach sich ziehen wird.

Im Rahmen eines neuen Denkens über die Stabilität unseres Wirtschafts- und Finanzsystems in Folge der gegenwärtigen Krise plädiere ich daher dafür als einfachste und effektivste Maßnahme, belohnungsorientierte Vergütung – ähnlich der Vorteilsnahme – schlicht gesetzlich zu verbieten. Damit wäre wahrscheinlich auch das Problem der irrwitzigen Managervergütungen mit einem Schlag gelöst, da diese wesentlich auf dem Belohnungsaspekt beruhen.

Johannes Reich

Lange Bezugsdauer von Hartz IV in der Kritik

Der neueste Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Hartz IV wird durch lange Bezugsdauern und wiederholte Bedürftigkeit geprägt. Im Dezember 2007 lag die Zahl der Bedarfsgemeinschaften bei 3,62 Millionen, denen insgesamt 7,02 Millionen Personen angehörten. Mehr als drei Viertel unter ihnen bezogen die Unterstützungsleistungen zu diesem Zeitpunkt bereits seit mindestes zwölf Monaten. Besonders lange auf Arbeitslosengeld II (ALG II) angewiesen sind Alleinerziehende. Daraus leitet die stellvertretende Vorsitzende der SPD, Andrea Nahles, ihre Forderung nach einem Rechtsanspruch auf ganztätige Kinderbetreuung ab. Diese solle mindestens bis zum zehnten Lebensjahr gewährt werden, um Alleinerziehenden die nötige Flexibilität zu geben, um einer existenzsichernden Tätigkeit nachgehen zu können. Auch Gesine Schwan, Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, fordert die stärkere Unterstützung der Kinderbetreuung, um alleinerziehenden Müttern und Vätern die Möglichkeit zu eröffnen, sich wieder erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Schwan setzt sich auch dafür ein, die Hartz IV Leistungen für Kinder zu erhöhen, damit sich Armut, insbesondere Kinderarmut, nicht weiter ausbreitet. Aus der Bezugsdauer von ALG II folgert der Paritätische Wohlfahrtverband, dass Hartz IV gescheitert ist. Bei der Langzeitarbeitslosigkeit bestehe das Problem – wie die IAB-Studie zeige – in erster Linie in fehlenden Arbeitsplätzen und nicht in einem generellen Vermittlungsproblem.

Sechs weitere Branchen bekommen Mindestlöhne

Was lange währt, wird endlich gut – ich bin froh, dass die Union ihre Blockadehaltung aufgegeben hat und es endlich einen Durchbruch bei den Mindestlöhnen gibt. Mit der Entsorgungsbranche, den Pflegediensten, der Weiterbildungsbranche, dem Wach- und Sicherheitsgewerbe, den Bergbauspezialisten und den industriellen Großwäschereien werden sechs weitere wichtige Branchen in den Schutzbereich des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes aufgenommen. Bereits 1,8 Millionen Menschen profitieren bereits jetzt von einem Mindestlohn.

Mit der Aufnahme der sechs Branchen sind zukünftig weitere 1,7 Millionen Arbeitnehmer gegen sittenwidrige Entlohnung geschützt. Vor allem den Mindestlohn in der Pflegebranche finde ich als Arbeitsmarktexpertin wichtig und notwendig, denn nach Untersuchungen des Berufsverbands für Pflegeberufe muss bislang jede dritte Pflegekraft mit sittenwidrigen Löhnen auskommen. Die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns schafft hier Abhilfe und verhindert Lohndumping in der Pflege. Das ist konkrete Politik, die direkt bei der Altenpflegerin oder dem Altenpflegerin überall vor Ort in Baden-Württemberg ankommt. Eine leistungsgerechte Vergütung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenpflege ist außerdem eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Pflegequalität und eine Wertschätzung für die Menschen, die diese Berufe ausüben. Insgesamt sind die nun erzielten Branchen-Mindestlöhne ein wichtiger Etappensieg auf dem Weg zu flächendeckenden Mindestlöhnen.

Ich bin der Meinung: Der Lohn entscheidet über die würde der Arbeit. Löhne dürfen nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden. Anständige Arbeit muss auch anständig bezahlt werden. Die Menschen haben Anspruch auf eine faire Bezahlung. 25 der 27 EU-Mitgliedstaaten haben einen Mindestlohn oder eine Lohnuntergrenze, nur Deutschland und Zypern nicht.

Katja Mast

Fachkräftesicherung: trotz der Krise aktuell

Die Folgen der Finanzkrise bekommen schon heute zahlreiche Unternehmen zu spüren. Ob bei Audi, der Deutschen Bahn, bei tesa oder bei ThyssenKrupp – in all diesen Konzernen wird über Kurzarbeit verhandelt oder aber ist Kurzarbeit bereits beschlossene Sache. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz schließt für die kommenden Monate auch einen wahren Ansturm auf die Kurzarbeit nicht aus: „Im Jahresschnitt rechne ich mit 250.000 Kurzarbeitern – viele aber nur für eine überschaubare Zeit“, so Scholz. Doch trotz der Ausweitung der Kurzarbeit und der Erwartung einer steigenden Arbeitslosigkeit in diesem Jahr, bleibt die Fachkräftesicherung in der Bundesrepublik ein brandaktuelles Thema. Auch in der jetzigen Lage müssen die Unternehmen alles tun, um insbesondere ihre gut ausgebildete Fachkräfte zu halten. Denn nur auf diese Weise können sie sich auf lange Sicht die nötige Innovationsfähigkeit sichern. Die Forderung nach Fachkräftemobilisierung aus dem Antrag des SPD-Landesvorstands bleibt also aktuell – auch die derzeitige Krise tut ihrer langfristigen Relevanz keinerlei Abbruch:

Um den Fachkräftemangel in Deutschland und gravierende Wettbewerbsnachteile abzuwenden, muss erheblich in eine bessere Bildung und Ausbildung investiert werden. Einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung zufolge werden bis 2020 rund 2,5 Millionen Menschen in den Unternehmen fehlen, vor allem Facharbeiter und Akademiker. Der Volkswirtschaft drohen innerhalb von zwölf Jahren Verluste von 1,2 Billionen Euro aufgrund eines stockenden Wirtschaftswachstums, fehlenden Sozialbeiträgen, niedrigeren Löhnen und entgangenen Steuereinnahmen, wenn diese Lücke nicht gefüllt wird. Der Fachkräftemangel in Deutschland ist in den Unternehmen zum Teil hausgemacht, da sie ihre Ausbildungsverpflichtung vernachlässigen und die Fachkräfte, die sie benötigten, nicht selbst ausgebildet haben. Wer Kompetenzfelder erschließen will, braucht gut bezahlte Fachkräfte und Lohnsteigerungen, die sich an der Produktivität orientieren.

Wir für gute Arbeit

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten setzen uns ein für „Gute Arbeit“ – Arbeit, die Teilhabe sichert, fair entlohnt ist, Qualifikation und Gesundheit erhält, zu gleicher Entlohnung für Männer und Frauen. So steht es in einem Antrag des SPD-Landesvorstands, der auf dem Landesparteitag der SPD Baden-Württemberg am 14. Februar 2009 als Leitantrag eingebracht wird. Der Antrag gibt Impulse der Landespartei für das Regierungsprogramm der SPD zur Bundestagswahl 2009. Für diejenigen, die damit nicht täglich zu tun haben: So funktioniert Demokratie. Die Basis diskutiert Inhalte. Die Landespartei richtet eine Projektgruppe ein. Dann wird diskutiert, aufgenommen, verworfen, verbessert. Am Ende steht ein „Leitantrag“ des Landesvorstands, mit dem Einfluss auf das Regierungsprogramm der SPD genommen werden kann. Und am Ende, wenn es gut läuft, stehen unsere Forderungen im Koalitionsvertrag und werden umgesetzt. Auch dafür setzen wir uns ein. Zuvor gilt es, mit Inhalten zu überzeugen.

Hier sind unsere zentralen Botschaften: Zweiklassengesellschaft in den Betrieben beenden! Leiharbeit darf kein Einfallstor für Lohndumping sein. Wir fordern gleichen Lohn und gleiche Arbeitsbedingungen für gleiche Arbeit. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlasten! Dazu fordern wir die Absenkung des Arbeitnehmerbeitrags zur Krankenversicherung und die Abschaffung des Arbeitnehmerbeitrags zur Arbeitslosenversicherung, dies wird gegenfinanziert aus den Steuermitteln, die der Staat durch die sogenannte kalte Progression einnimmt. Und wir wollen langfristig den Arbeitnehmerbeitrag zur Arbeitslosenversicherung abschaffen (Initiative der SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt und des Fraktionsvorsitzenden Claus Schmiedel). Neue Perspektiven für Menschen, die auf Hilfeleistungen angewiesen sind! Unser Ziel ist es, Armut zu bekämpfen und Teilhabe durch Arbeit und Beschäftigung zu ermöglichen. Hierzu fordern wir eine Kombination aus der Verbesserung sozialer Leistungen und dem Ausbau von Aktivierungs- und Arbeitsangeboten. Aufstieg durch Weiterbildung ermöglichen!

Wir fordern den Umbau von der Arbeitslosen- zur Beschäftigungsversicherung. Humanisierung der Arbeitswelt! Wer bis 67 arbeiten soll, braucht gute Arbeit. Die Qualifikation und Gesundheit muß erhalten werden – von Anfang an. Wir fordern alterns- und altersgerechte Arbeitsplätze und Grenzen für die unmenschliche Leistungsverdichtung. Aber auch der gleitende Übergang in die Rente für jene die nicht mehr können. Fairer Wettbewerb und neue Chancen für heimische Betriebe! Dazu fordern wir Tariftreue bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Fachkräfte mobilisieren. Wir fordern eine Politik, die lange Linien beachtet – Fachkräftesicherung bleibt ein Thema, trotz Krise. Deshalb: Lebenslanges Lernen, Frauen fördern, Integration verbessern und vor allen Dingen gute Ausbildung im Betrieb.

Dr. Lars Castellucci
Peter Hofelich MdL
Katja Mast MdB
Dr. Martin Rosemann