Zwischenruf zum Parité-Gesetz: Zeit für Politik

Die Kampagne „Mehr Frauen in die Kommunalparlamente!“ des Landesfrauenrats hat einiges an Wirbel verursacht. Was steht dahinter? Der Landesfrauenrat fordert, dass die Landesregierung ein sog. „Parité-Gesetz“ einführt, mit dem Ziel, die „paritätische Besetzung der KandidatInnenlisten im Kommunalwahlgesetz festzuschreiben“. Der SPD-Landesvorstand hat im Mai beschlossen, diese Kampagne zu unterstützen. Die Grünen sind auf ihrem kleinen Landesparteitag im Juni nachgezogen. Es liegen also zwei positive Positionen der beiden Regierungsparteien Baden-Württembergs vor. Ergo eigentlich eine klare Sache: Das wird gemacht, schließlich haben Grüne und SPD eine klare Mehrheit im Landtag.

Nun wird es aber wild. Das Innenministerium hat in einem Rechtsgutachten festgestellt, dass das so nicht ginge, denn ein solches Gesetz sei verfassungswidrig. Und damit habe Innenminister Gall die Grünen gegen sich aufgebracht, so die „Badische Zeitung“. Gerade so, als sei die SPD nicht etwa auch für diese Maßnahme. Unmittelbar danach meldet sich das Justizministerium und stellt fest: „Das Wahlrecht gehört zur DNA der Demokratie. Eingriffe sind hier besonders sorgfältig zu prüfen und ihre Auswirkungen gilt es gewissenhaft zu bedenken.“ Richtig. Unnötig zu erwähnen, dass ein Rechtsgutachten, das die Grünen in Auftrag gegeben haben, kein Problem darin sieht, ein solches Parité-Gesetz einzuführen.

Es gilt, wie so oft: zwei Juristen, drei Meinungen (oder mehr). Davon sollte die Politik, in diesem Fall die Landtagsfraktionen von Grünen und SPD, sich nicht irritieren lassen. Ein Gesetz ist so lange nicht verfassungswidrig, bis es vom zuständigen Gerichtshof für verfassungswidrig erklärt worden ist. Denn nur der Staatsgerichtshof bzw. das Bundesverfassungsgericht haben das Recht, ein Gesetz für verfassungswidrig zu erklären. Alle sonstigen Meinungen sind eben genau das: bloße Meinungen. Das heißt: Wenn der politische Wille da ist (und davon ist auszugehen, schließlich gibt es klare Aussagen von Grünen- und SPD-Gremien), dann sollten die Fraktionen der Grünen und der SPD ein solches Parité-Gesetz auf den Weg bringen. Egal, was dieses oder jenes Gutachten sagt.

Gleichzeitig müssen sich aber alle Beteiligten bewusst sein, dass das Gesetz vom Staatsgerichtshof Baden-Württemberg als verfassungswidrig verworfen werden könnte. Das Risiko des Scheiterns bestünde.

Aber so ist das in der Politik: Garantien gibt es nicht. Mut gehört aber dazu.

Feindbild Feminismus: Geschlechterkampf von rechts

Geschlechterpolitik hat mit Interessen und deren politischer Durchsetzung zu tun. Und auch in der Geschlechterpolitik sind diese Interessen nicht homogen. Die Trennlinie folgt nicht der einfachen Geschlechterdefinition: hier die Frauen, da die Männer. Das zeigen auch jüngst veröffentlichte Werke erfolgreicher Frauen – allen voran das der Frauen- und Familienministerin Kristina Schröder – die behaupten, Frauen brauchten keine Leitbilder mehr. Die Entscheidung um den Lebensentwurf von Frauen sei individuell und privat. Schluss also mit der feministischen Forderung, dass das Private politisch sei?

Bereits seit einiger Zeit ist wieder Bewegung in der Geschlechterdebatte: Auf der einen Seite kommt die dritte Welle des Feminismus ins Rollen, auf der anderen Seite mischen Männerrechtler und Antifeministen die Diskussion auf mit Thesen wie: „Das Projekt ‚Feminismus‘ kann zu den Akten, die Frauen haben die Männer längst überholt.“ Sie beklagen die Jungen als Bildungsverlierer und die Männer als Opfer der Wirtschaftskrise und leiten daraus die These von der strukturellen Benachteiligung der Männer ab. Ihre Forderung: das Ende aller staatlichen Gleichstellungspolitik in Form der „organisierten Besserstellung“ des weiblichen Geschlechts. Im Kampf um die Deutungshoheit über Rollenbilder, Geschlechterpolitik und Familienpolitik kreuzen sich alte und neue Konfliktlinien – und es ist noch nicht ausgemacht, welche Strömungen sich durchsetzen werden.

Fritz-Erler-Forum: Feindbild Feminismus: Geschlechterkampf von rechts: Dienstag, 17.7.2012, 18 Uhr, Waiblingen, Kulturhaus Schwanen; Online-Anmeldung