Soziale Gerechtigkeit unterordnen? Eine Replik auf Vittorio Hösles seltsame Ausführungen

zu Teil 3 der SZ-Serie „Die grüne Frage“: „Zeiten des Übergangs“ von Vittorio Hösle, SZ v. 17./18. April 2011

Das Ende der Sozialdemokratie ist schon von berühmteren Denkern festgestellt worden, Recht behalten haben sie nicht.

Richtig mag sein, dass viele Bürger, die zur Wahl gehen, soziale Gerechtigkeit als weitgehend erreicht ansehen. Unter denjenigen, die nicht zur Wahl gehen, in Baden-Württemberg immerhin knapp die zweitstärkste Kraft, finden sich dagegen viele, die soziale Gerechtigkeit keinesfalls als erreicht ansehen, sich von Politik aber keine Verbesserung ihrer sozialen Situation (mehr) erhoffen. Eine Analyse, die nur von Wählern ausgeht, greift zu kurz.

Fragwürdig ist, wie der Autor die intergenerationelle Gerechtigkeit (darunter fasst er die Umweltfrage) von der sozialen Gerechtigkeit trennt. So baut etwa die Rentenversicherung maßgeblich auf die Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Jung zahlt für Alt, damit Jung wieder für Alt zahlt. Generationengerechtigkeit war und ist Teil der einen Gerechtigkeit.

Schließlich fordert der Autor, die soziale Gerechtigkeit der Nachhaltigkeit unterzuordnen. Nachhaltigkeit meint aber gerade den Ausgleich zwischen sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Verantwortung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. So muss beispielsweise die ökologisch notwendige Energiewende so erreicht werden, dass Energiekosten bezahlbar und die Energieversorgung der Wirtschaft gesichert bleiben (was fraglos funktionieren kann). Es geht also gerade nicht um Unterordnen, sondern immer um die richtige Balance.

Hösle sieht die Grünen im Vorteil, weil „deren zentrale Idee nicht aus dem 19., sondern aus dem späten 20. Jahrhundert“ stamme. Vom Alter einer Idee auf ihre Kraft zu schließen, ist wohl eher unphilosophisch. Die sozialdemokratische Idee zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie aufnahmefähig ist für neue Entwicklungen – weil sie vom Menschen und seinen Bedürfnissen her denkt (und zu diesen zählt zweifelsohne auch eine intakte Umwelt). Wer die Interessen der Menschen in den Mittelpunkt stellt, verfolgt eine sehr zeitgemäße weil zeitlose Idee. Die wird ihre Kraft auch wieder unter Beweis stellen.